Wenn's um die Jugend der Stadt geht, dann fällt den Stadträten die Entscheidung meist nicht schwer. Doch dieses Mal entzündete sich gleich am ersten Tagesordnungspunkt eine gesellschaftliche Diskussion. Anlass ist das Bildungsprogramm "JaS 1000", das der Ministerrat im Sommer 2009 beschlossen hat. "JaS" steht für "Jugendarbeit an Schulen". Das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Soziales, Familie und Integration hat sich zum Ziel gesetzt, bis 2019 in ganz Bayern 1000 Sozialarbeiter an Schulen zu schicken. Im Fokus des Förderprogramms stehen Mittelschulen. Die Kosten teilen sich Freistaat, Landkreise und Kommunen.

Viele Jugendliche sind überfordert

"Man kann sich kaum vorstellen, unter welchem Druck Kinder in unserer Leistungsgesellschaft aufwachsen", sagte Siegbert Groll vom Jugendamt Bad Kissingen. Im vergangenen Jahr hat seine Behörde eine Befragung unter Jugendlichen des Landkreises durchgeführt. Das Ergebnis: Knapp die Hälfte der jungen Menschen fühlt sich den Herausforderungen, die in Schule, Beruf oder Studium an sie gestellt werden, nicht gewachsen. Das hat Folgen.

Mit konkreten Zahlen führte Birgit Herré, Leiterin der Mittelschule, den Stadträten vor Augen, dass sie Bedarf für einen Jugendsozialarbeiter sieht. Etwa 60 Schüler legen ein auffälliges Verhalten an den Tag, mehr als 30 neigen zu verbaler Gewalt, bei 13 seien psychische Beeinträchtigungen ärztlich bestätigt. "Wir arbeiten mit dem Mobilen Sonderpädagogischen Dienst, der Polizei und dem Jugendamt zusammen", berichtete Herré. Den Großteil der Unterstützung leisteten aber die Lehrer, wenn sie einzelne Schüler individuell betreuen und auch mal einen Hausbesuch machen. "Ein Sozialarbeiter wäre eine perfekte Ergänzung", sagte Herré.

Entmündigung der Familie?

Auch Josef Hammerl, Leiter des Schulamts Bad Kissingen, warb um die Zustimmung des Stadtrats. Zum einen möchte sich der Landkreis als "Bildungsregion" bewerben. Da passt "JaS" gut ins Bild. Zum anderen sieht Hammerl einen klaren Trend: Die Zahl der Schüler gehe im Landkreis zum Teil drastisch zurück. Zugleich nähmen die Betreuungsfälle zu. "Jeder junge Mensch, der jetzt verloren geht, kostet die Gesellschaft auf lange Sicht viel Geld."

Genau das sieht aber Stadtrat Ingo Walcher (PWG) kritisch: "An der ganzen Sache stört mich, dass hier nur Symptome bekämpft werden und nicht die Ursachen." Solche Programme entmündigten die Familien, die ihre Aufgaben nicht erfüllten. "Das ist eine Bankrotterklärung der Familien und der Schulen!" Siegbert Goll vom Jugendamt stimmte Walcher grundsätzlich zu, gab aber zu Bedenken, dass viele Familien schlichtweg nicht mehr in der Lage seien, ihren Auftrag zu erfüllen.

Stadtrat stimmt mit drei Gegenstimmen zu

Andere Räte bemängelten, dass die Kosten für Sozialarbeit an Schulen an den Kommunen hängen blieben. "Der Freistaat Bayern zieht sich elegant aus der Affäre", kritisierte Karlheinz Schmitt (CSU). Manfred Kaiser (CSU) und Adelheid Zimmermann (FDP) stimmten Schmitt zu, zumal die finanzielle Lage der Stadt nicht die Beste sei.

"Das ist eine gesamtgesellschaftliche Debatte, die wir hier führen", lenkte Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) das Thema zurück. Mit drei Gegenstimmen beschloss der Stadtrat, eine "JaS"-Stelle an der Mittelschule zu unterstützen. Auch die Brückenauer Rhönallianz sprach sich bereits für "JaS" aus. Der kommunale Kostenanteil für eine Vollzeitstelle wird je nach Schülerzahlen auf die einzelnen Gemeinden aufgeteilt. Die Gemeinderäte müssen dem aber noch zustimmen.