Ganz das Gelbe vom Ei ist es nicht. Der neue Anlaufpunkt für die Jugend liegt im Erdgeschoss des ehemaligen Gymnasiums am Kirchplatz. Zwei Arztpraxen, ein Pflegedienst und ein Möbelhaus teilen sich das Gebäude, das der Stadt Bad Brückenau gehört. Im Keller war mehr als 30 Jahre lang das Jugendzentrum (Juz) zuhause. Zuletzt konnte die Stadt aus Sicherheitsgründen den Betrieb nicht mehr verantworten. Das Juz wurde bis auf Weiteres geschlossen.

Noch im Juni soll die Anlaufstelle für Jugendliche eine Etage über dem ehemaligen Juz öffnen - zunächst am Freitag- und Mittwochnachmittag, wenn bei den Ärzten kaum noch was los ist. Auch an einem Abend in der Woche soll laut Bürgermeisterin Brigitte Meyerdierks (CSU) der Treff für die Jugend geöffnet werden, wann genau ist aber noch nicht klar.

"Es soll eine Anlaufstelle für unsere Problemjugendlichen sein und diejenigen, die nach der Schule nicht wissen wohin", erklärt Meyerdierks. Sie freut sich, dass weiterhin Spenden für die Jugendarbeit eingehen - sei es von privaten Geburtstagen oder aus der Sammlung, die bei der St. Georgs-Prozession zusammen gekommen ist. Boris Höttinger, der Gemeindejugendpfleger von Bad Brückenau und Wildflecken, könne das Geld sicher gut für die Einrichtung verwenden, sagt sie.


Jugendliche wurden in Entscheidung nicht einbezogen

Das kann er, in der Tat. Ganz glücklich scheint Höttinger aber mit der Entwicklung nicht zu sein. "Jedes Juz ist besser als kein Juz", sagt er. Den neuen Raum nennt er aber eine schnelle und kostengünstige Lösung, die nicht die beste sei. Die Jugendlichen selbst seien bei der Entscheidung nicht einbezogen worden. Gewünscht hätte er sich einen Aufruf und eine breitere Ideenfindung, was die Zukunft der Jugend der Stadt betrifft.

"Das ist immer noch nicht so, wie man sich das wünscht", gibt Benjamin Wildenauer (SPD), Jugendreferent des Stadtrats, zu. Mit der Lokalität ist er aber erst einmal zufrieden. Wichtig findet er - und das unterstützt auch Boris Höttinger -, dass die Entflechtung von Jugendverein und städtischer Jugendarbeit gelungen ist. Über viele Jahre hat ein Jugendverein (zuletzt die "Jugendbewegung Bad Brückenau" unter Lukas Dill) das Juz betrieben und damit mehr oder weniger die Jugendarbeit der Stadt geleistet. Doch die jungen Leute stießen an ihre Grenzen. "Die Jugendarbeit von Jugendlichen machen zu lassen, ist schwierig", sagte Höttinger im Dezember, wenige Wochen bevor der Jugendverein den Mietvertrag für das Juz kündigte.

Dass nun die Stadt federführend für ihre Jugendlichen die Verantwortung übernimmt, beschreibt Höttinger als Paradigmenwechsel. "Ich finde, die Stadt nimmt die Aufgabe noch nicht so an", beschreibt er seinen Eindruck. Eine Anlaufstelle mit festen Öffnungszeiten anzubieten, sei das eine. Die Jugendlichen hätten aber durchaus noch andere Bedürfnisse.


Jugendverein liegt am Boden

Keiner könne erwarten, dass wieder eine Disko eröffne, das sei auch nicht Aufgabe der Stadt, stellt Höttinger gleichzeitig klar. In einer Stadt wie Bad Brückenau müsse man selbst anpacken, wenn etwas passieren solle. Und so kann sich Boris Höttinger vorstellen, dass auf lange Sicht die städtische Jugendarbeit durch einen Verein ergänzt werden könnte, der das alte Juz zum Feiern nutzen und weitere Angebote für Jugendliche organisieren könnte.

Das ist freilich eine große Aufgabe, denn die "Jugendbewegung Bad Brückenau" liegt am Boden. "Das Juz war von Anfang zum Scheitern verurteilt, was den Aufenthalt tagsüber und für jedermann anging. Zum Feiern ist es nach wie vor super", zieht Vorsitzender Lukas Dill Bilanz, der inzwischen weggezogen ist. Er möchte den Verein am liebsten auflösen, es gibt aber auch Überlegungen, ihn im Sinne eines Jugendkulturvereins zu erhalten. Es fehlen - wie so oft - das Zugpferd und Mitstreiter, die dem toten Verein wieder Leben einhauchen. Nichtsdestotrotz wünscht Dill der Jugend "neue Tagesräume stadtnah, am Besten natürlich in der Ludwigstraße, einen laufenden Verein und viele Jugendliche, die das Ganze rocken".


Ein Interview zur Situation der Jugendarbeit in Bad Brückenau lesen Sie hier.