Dr. Ingo Walcher ist als Stadtrat und Frauenarzt bekannt. Der 77-Jährige siedelte sich im Jahr 1973 in Bad Brückenau an und führte bis zu seinem Ruhestand eine Praxis in der Bahnhofstraße. 1978 ist er erstmals als Kandidat von der Parteilosen Wählergruppe (PWG) aufgestellt worden. Er zog aber erst 1981 als Nachrücker in den Stadtrat ein, war dann aber auch gleich im Kreistag vertreten - und zwar von 1981 bis 1984 und noch einmal von 2008 bis 2014. Privat ist er beim MSV Modlos aktiv und bei der Tafel und im Musikschulverein dabei. Im Interview mit dieser Zeitung spricht Ingo Walcher über die Fußgängerzone, die anstehende Bürgermeisterwahl im September und die Arbeit des Stadtrats.

Herr Walcher, 1986 traten vier Kandidaten zur Bürgermeisterwahl an, 1992 ebenfalls. Heute scheint weit und breit kein Gegenkandidat in Sicht zu sein. Was ist los?
Ingo Walcher: Es läuft sehr schlecht an, das stimmt. Aber das kann sich ja immer noch ändern. Ich habe nichts gegen Frau Meyerdierks einzuwenden. Mein Anliegen ist aber, dass den Bürgern eine Alternative geboten wird, sonst ist es keine Wahl.

War die Kandidatur von Thomas Ullman für die PWG ein Fehler?
Wenn man einen Kandidaten aufstellt, will man auch, dass er ins Ziel kommt. Und gewählt haben ihn die Bürger. Er hat seine Arbeit nicht schlechter gemacht als seine Vorgänger oder Frau Meyerdierks.

Am 19. April steht die Jahreshauptversammlung an. Wichtigster Punkt: Neuwahlen. Gibt's denn schon einen Nachfolger für Sie als Vorsitzenden?
Dazu äußere ich mich noch nicht. Fakt ist nur: Ein Generationswechsel ist längst überfällig.
Warum sollte sich ein junger Mensch der PWG anschließen?Wir sind keine Partei, das betone ich immer wieder. Wir haben auch nichts mit den Freien Wählern im Bayerischen Landtag zu tun. Unser Ziel ist es, Bürger zu unterstützen, die kommunalpolitisch tätig sein wollen, ohne einer Partei beitreten zu müssen.

Und sonst so? Ihre Ideen für die Stadt?
Wir haben kein Parteiprogramm, falls Sie das meinen. Jeder Stadtrat ist in seiner Entscheidung frei. Und was die Stadt angeht... Ich weiß nicht, was Bad Brückenau wirklich gut tun würde. Ich weiß nur, dass ich viele Dinge anders sehe. Aber das erlaube ich mir.

Strittige Themen gibt's genug, zum Beispiel die Fußgängerzone. Sie haben gegen eine testweise Öffnung gestimmt. Warum?
Sowohl die Öffnung für den Straßenverkehr als auch die jetzige Situation bieten Vor- und Nachteile. Mir gefällt die jetzige Situation besser.

Ein weiterer Knackpunkt ist die fehlende Industrie. Sind wichtige Weichenstellungen verschlafen worden?
Das ist immer eine Frage, wie man Bad Brückenau sieht: als Kurort oder Industriestandort. Im Nachhinein wäre es richtig gewesen, mehr Gewerbe anzusiedeln. Damals war die Situation aber anders, da waren wir noch die Zwei-Bäder-Stadt, da lief die Kur auch noch. Heute ist aus meiner Sicht der Titel Bad eher hinderlich.

Wie meinen Sie das?
Mit einem Bad ist ja immer eine gewisse Vorstellung verbunden. Entsprechen wir dem noch? Die hat als Badeort an Anziehungskraft verloren, deshalb sollte man schwerpunktmäßig den Tourismus fördern, zum Beispiel als Naherholungsgebiet für Großstadtbewohner.

Vielleicht müsste das nur besser vermarktet werden. Wie stehen Sie zum Gutachten über die beiden städtischen Heilquellen, aus dem die Stadt neue Nutzungskonzepte entwickeln will?
Das ist eine heikler Frage. Da sind in unserer Fraktion die Meinungen sehr unterschiedlich. Ich persönlich habe Zweifel daran, dass eine Vermarktung der Quellen der große Wurf ist, den sich die Mehrheit der Stadträte erhofft und dafür viel Geld ausgibt. Sollte ich mich jedoch irren, um so besser.

Früher muss es bei solchen Fragen im Stadtrat hoch her gegangen sein.
Dass man um ein Thema gestritten hat, habe ich kaum erlebt. Und worüber soll man sich auch streiten? Es ist niemand da, der mit allen Mitteln seinen Willen durchsetzen will. Von sachlichen Argumenten lasse ich mich dagegen gern überzeugen.

Man könnte auch sagen: Es ist keiner da, der eine Vision hat.
Sie hängen das ein bisschen zu hoch. Was beschließen wir denn? Wenn man den Haushaltsplan durchliest, erfährt man, was der Stadtrat tut, nämlich vorwiegend Routinesachen. Eine Vision wäre wenn Sie so wollen die Vermarktung der Quellen. Aber ansonsten kommen selten Initiativen vom Stadtrat, da haben Sie Recht.

Die Frage ist: Wo bleiben die Initiativen der PWG?
Tja... (Pause). Wir sind auch nicht besser als die anderen.

Mir ist aufgefallen, dass sie beim Thema Jugend und Familie große Zurückhaltung an den Tag legen. Aus welchem Grund?
Wissen Sie, ich habe die Kriegs- und die Nachkriegszeit erlebt. Ich weiß noch, was für Spielsachen ich damals hatte. Vieles, über das heute gesprochen wird, kommt mir übertrieben vor. Ich erfahre immer wieder, dass die heutige Jugend ganz andere Einstellungen zum Leben, zum persönlichen Engagement und zum Konsum hat als ich. Das ist der Grund.

Und wie stehen Sie als Frauenarzt dazu, dass es im Landkreis keine Geburtsstation mehr gibt?
Immer mehr Krankenhäuser werden von großen Aktiengesellschaften übernommen, die Gewinn machen wollen. Den Aktionär interessiert die Dividende und nicht das Wohl der Patienten. Dieses Verhalten ist typisch für die heutige Gesellschaft, zumindest bei den "oberen Zehntausend".

Sehen Sie in Bad Brückenau auch positive Entwicklungen?
Wir haben einige Baustellen, die der Stadt sicher nützen werden, zum Beispiel Haus Waldenfels. Ich freue mich auch über die baldige Sanierung der Kissinger Straße und die Bebauung des ehemaligen Fabrikgeländes.


Das Gespräch führte Ulrike Müller.