Der Rentner reicht den langen braunen Mantel schwungvoll über die Theke. "Hier ist der Patient. Auf beiden Seiten müsste er etwa vier Zentimeter schmaler werden." Der Hammelburger gehört zu den rund 100 Stammkunden von Ayla Öztürk. Er weiß, dass sein "Patient" bei ihr in guten Händen ist. Hosen oder Röcke kürzen, Mäntel abnähen, Jacken oder Jeans mit einem neuen Reißverschluss versehen oder einen Flicken anbringen - all das gehört zu Aylas Angebot.

Vor allem aus Hammelburg und Umgebung kommen die Menschen in den Laden am Viehmarkt. "Die meisten sind Senioren oder im mittleren Alter", berichtet die 50-Jährige. Dass viele junge Leute lieber günstige Klamotten kaufen und nach einer Saison wegwerfen, dafür hat Ayla aber Verständnis. "Die Qualität des Stoffes ist auch oft nicht mehr so gut wie früher. Gerade Jeans halten meist nicht mehr so lange und reißen schneller", hat sie festgestellt.
Ayla stammt aus Düzce am Schwarzen Meer. Ihre Eltern wanderten Mitte der 70er Jahre nach Deutschland aus und ließen sich im hessischen Schlüchtern bei Fulda nieder. Sie und ihr Bruder kamen nach, als Ayla 14 Jahre alt war. "Ich hatte auch Verwandte in Schlüchtern, die eine Änderungsschneiderei betrieben haben. Dort habe ich als Mädchen immer geholfen und es hat mir Spaß gemacht", schildert sie, wie ihr Interesse für den Beruf geweckt wurde.

Selbstständig seit 1987

Sie absolvierte dann auch in Schlüchtern eine Ausbildung zur Schneiderin, die sie im Alter von 17 Jahren abschloss. Danach arbeitete sie zunächst zweieinhalb Jahre in einer Kleiderfabrik. Im Juli 1987 machte sich Ayla dann in Hammelburg mit ihrer Änderungsschneiderei selbstständig. Mit drei professionellen Näh-, zwei Overlock- und einer Saummaschine kann sie fast alle Kundenwünsche erfüllen.

Neue Textilien wie Hosen und Oberteile anfertigen, ist für Ayla Öztürk auch kein Problem. Doch nach Maß angefertige Kleidung hat ihren Preis. "Das lohnt sich für die Kundschaft in der Regel nicht, das wäre zu teuer", weiß die Schneiderin. Für ihre Tochter Gamze hat sie früher aber immer Kleider genäht. Auch jetzt nimmt diese hin und wieder die Dienste ihrer Mutter in Anspruch. "Zum Fasching habe ich jetzt wieder was für sie gemacht", schmunzelt Ayla.

Gamze freut sich über die Sachen, hat aber selbst kein Interesse, als Schneiderin tätig zu werden. Die 21-Jährige ist gelernte Arzthelferin und absolviert gerade eine Ausbildung zur OP-Schwester. Wer eines Tages das Geschäft übernimmt, ist somit offen und im Moment auch noch kein Thema. "Bis zum Rentenalter werde ich sicher weitermachen", betont die 50-Jährige. Besonders lukrativ ist ihr kleines Unternehmen jedoch nicht. "Man kann davon leben, aber reich wird man nicht", unterstreicht sie und verweist auf die hohen Fixkosten wie Miete und Versicherungen.

Besonders ärgerlich ist es dann, wenn Kunden Arbeiten in Auftrag geben und ihre Kleidung nicht wieder abholen. Oft war dann nicht nur die Arbeit umsonst, wenn Ayla zum Beispiel auch noch einen neuen Reißverschluss gekauft hat. Dann ist es auch ein finanzieller Verlust. "Im Moment habe ich ungefähr 30 Sachen hier hängen. Vielleicht haben Kunden diese Stücke auch einfach nur vergessen", erklärt sie und hofft, dass der eine oder andere sich doch noch meldet.

Um nicht nur von der Änderungsschneiderei abhängig zu sein, hat sich die Familie Öztürk ein zweites Standbein geschaffen: eine Firma für Glas- und Gebäudereinigung. Das Büro ist im selben Ladenlokal untergebracht. "Wir reinigen Photovoltaik- und Solarthermie-Anlagen, damit sie nicht an Leistung verlieren", erläutert Ayla Öztürk. Eine clevere Geschäftsidee, die vom Boom der erneuerbaren Energien profitieren kann.