Für Alma Pendzjalek ist klar: Wenn sie Artikel des täglichen Bedarfs einkauft, dann bei Tegut in Nüdlingen. Denn man "sollte die Geschäftsleute vor Ort unterstützen". Allerdings wünscht sie sich ein vergrößertes Angebot. Das sehen nicht alle so. Viele fahren gleich ins nahe Bad Kissingen. Auch weil es dort Discounter gibt und "weil Tegut nicht alles hat", wie eine Frau auf Anfrage sagte.

Vor einigen Jahren war die Situation besser, erinnert sich Bürgermeister Günter Kiesel (CSU). Damals hat es im Zentrum das angesehene Kaufhaus Schäfer gegeben und im selben Gebäude einen Supermarkt. Den hat Edeka dicht gemacht. Wenig später hat Schäfer die Pforten geschlossen, weil es sich nicht mehr gelohnt habe. Das war 2010. Der Schlecker-Markt und ein Schuhhaus sind auch Vergangenheit. Wo früher das Leben pulsierte, ist Ruhe eingekehrt. Nur noch ein Schild in der Ortsmitte erinnert an Schäfer.

Zwar, sagt Günter Kiesel, sei der Tegut gut sortiert, er gelte aber bei vielen als relativ teuer. Ein Großteil von ihnen kaufe jetzt bei Kaufland, Aldi, Lidl oder im E-Center in Bad Kissingen ein: "Der Kaufkraftverlust für den Ort ist immens."

Alle Bemühungen gescheitert

Gescheitert sind alle Bemühungen der Gemeinde, einen neuen Supermarkt - neben Tegut - zu gewinnen. Er habe mit Netto, Edeka, Lidl, Rewe und anderen gesprochen, so Günter Kiesel.

Die winkten fast alle ab: Niemand war bereit, sich im Zentrum zu engagieren, "die wollen alle auf die grüne Wiese direkt an die Bundesstraße". Viele planen nur noch mit mehr als 10 000 Kunden im Einzugsgebiet.

Netto hätte sich in der Riedbachau niedergelassen, durfte aber nicht. Es gab Widerstände aus der Bevölkerung, sagt Günter Kiesel. Die Gemeinde hat daher eine Befragung durchgeführt. Vor fast genau einem Jahr wurden 3196 Nüdlinger über 16 angeschrieben. 1147 wollten Netto haben, 1193 aber nicht.

Für Bürgermeister Kiesel ist damit klar: "Insofern ist das Thema vom Tisch. Es gibt keinen Markt dort, es ist gelaufen." Und: "Die Bad Bockleter kriegen jetzt den Netto-Markt, den wir hätten bekommen sollen." Alles sei probiert worden. Denn es sei besser, Geschäfte am Ortseingang zu haben, als gar keine.

Im März 2011 geplatzt

Mitten im Ort sei ein Markt nicht mehr zu verwirklichen. Das hat die Gemeinde erfahren müssen. Unterschriftsreif war der Vertrag mit Tegut hinsichtlich einer Zweigstelle im Kaufhaus Schäfer. Auch ein Metzger und ein Bäcker sollte dort unterkommen. Dann ist im März 2011 das Vorhaben geplatzt.

"Eine tolle Sache" nennt Günter Kiesel noch heute die Absicht der Lebenshilfe Schweinfurt, im Ex-Kaufhaus Schäfer einen CAP-Markt zu etablieren, den Behinderte betreiben sollten. Das wäre eine optimale Ergänzung der Lebenshilfe-Werkstatt gewesen. Dort hätten die Nüdlinger eingekauft, so der Bürgermeister. In dem Geschäft hätte es auf 750 Quadratmetern bei zehn bis zwölf Beschäftigten ein Grundsortiment von 7000 Artikeln geben sollen. Als Schwerpunkt war ein Frischeangebot geplant. Lebensmittel plus Kaufhaus - das "wäre eine optimale Kombination gewesen", so Günter Kiesel.

"Nur bedingt empfehlenswert"

Allerdings machte der Interessent einen Rückzieher, nachdem ein Gutachter eine Marktanalyse erstellt hatte. Ergebnis: "Nur beschränkt empfehlenswert." Chancen und Risiken hielten sich die Waage. Denn es hätte eine Überkapazität bei den Verkaufsflächen gegeben bei einer "normalen" Konkurrenzsituation. Das angestrebte Marktsegment werde bereits durch den Tegut-Markt abgedeckt, der aber "eher schwach aufgestellt" sei. Der CAP-Markt, so der Gutachter weiter, könnte Tegut den Rang ablaufen.

Die Gemeindeverwaltung sehe aber eine Unterversorgung der Bevölkerung mit Nahrungs- und Genussmitteln, falls Tegut den Standort aufgebe. Diese Sorge hat Günter Kiesel noch immer: "Unser größtes Problem ist, dass ich nicht weiß, wie sich Tegut verhält." Das Unternehmen habe sich noch nicht geäußert, was man vorhabe. Denn der Pachtvertrag laufe 2014 aus. Er hoffe, so Günter Kiesel, dass der Markt bleibe; im Moment sehe es auch danach aus.

An Tanja Münch soll es jedenfalls nicht liegen. Sie ist seit sechseinhalb Jahren Inhaberin des Tegut-Marktes, den sie im Franchise-System betreibt. Das solle auch so bleiben, sagte die Kauffrau auf Anfrage. Seit Schäfer geschlossen hat, habe sie mehr Kunden. Viele würden aber nach Bad Kissingen fahren. Dabei biete Tegut ein umfassendes Sortiment an. Nur eine Fleischbedienung fehle. Es gebe jedoch drei Metzger im Ort.

"Das Geld im Ort behalten"

Tegut hat auch nicht die Absicht, seine Zelte in Nüdlingen abzubrechen. Unternehmenssprecherin Stella Kircher sagte auf Anfrage, "Tegut wird weiter vor Ort sein auch nach Vertragsablauf im Jahre 2014." Das wird den Bürgermeister beruhigen.

Für ihn ist klar: "Wir müssen uns Mühe geben, das Geld im Ort zu behalten." Nur: Die Möglichkeiten der Politik sind da eher beschränkt, wie er hat erfahren müssen. Er sieht Parallelen zu Euerdorf mit dem Kaufhaus Mützel: "Wenn ein Magnet zumacht, schließen weitere Geschäfte. Dann ist das Dorf tot beruhigt." Schlimm sei, dass Schäfer mit 2200 Quadratmetern Verkaufsfläche und einem Jahresumsatz von 1,5 Millionen Euro im Nüdlinger Kern leer steht. Dadurch sei viel Qualität verloren gegangen. Auch die Immobilien verlören an Wert.

Bestand Im Vergleich zu anderen Orten ist Nüdlingen ordentlich ausgestattet. Es gibt nicht nur Tegut, Metzger und Bäcker, sondern auch eine Apotheke, zwei Bankfilialen, eine Tankstelle, zwei Blumengeschäfte, einen Getränkemarkt, ein Obst- und Gemüsegeschäft sowie einen Elektroladen mit Postagentur. Damit ist eine schwache Grundversorgung gegeben.

Kaufkraft Das Kaufkraftniveau Nüdlingens beträgt 94,1 Prozent (genau wie beim Landkreis Bad Kissingen). Die Zentralität drückt die Einkaufsbedeutung aus. Liegt sie über 100, fließt Kaufkraft zu. Im Landkreis liegt sie bei 77,0, in der Kreisstadt sind es 165,0, in Hammelburg 120,2 und im Restlandkreis nur 51,7. Hier fließt also Kaufkraft ab. Zum Vergleich: In der nahen Industriestadt Schweinfurt beträgt die Zentralität 220,6.

Potenzial Das Marktpotenzial für Lebensmittel beläuft sich laut Bürgermeister Kiesel auf 8,67 Millionen Euro pro Jahr. Davon seien 20,9 Prozent der Marktanteile für Direktverkauf und Heimdienste abzuziehen. Damit bleiben noch 6,86 Millionen Euro einzelhandelrelevantes Ausgabenpotenzial.

Konkurrenz Ein Teil des Geldes fließt ins vier bis fünf Kilometer entfernte Bad Kissingen. Hier gibt es fünf Supermärkte mit einer Verkaufsfläche von 8500 Quadratmetern, ed