Mehr Integration geht fast nicht: Seit dreieinhalb Jahren ist Julia Nigrezkul in Deutschland, die 29-Jährige spricht gut Deutschland, sie und ihr Mann arbeiten und zahlen Steuern, der Stiefsohn macht bereits eine Ausbildung. Trotzdem bekommt sie im Moment die ganze Härte des deutschen Asylrechts zu spüren: Die Friseurin gewann den "Wella National Trend Vision Award 2017", setzte sich als beste Stylistin gegen Konkurrenz aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durch. Damit wäre sie für den internationalen Wettbewerb in London am 14. Oktober qualifiziert, aber: Zum einen weigert sich die Ausländerbehörde, einen Not-Reisepass auszustellen, zum anderen würde der vermutlich von Großbritannien nicht anerkannt.


Eigenen Salon aufgegeben

Julia Nigrezkul hatte sich in der Ukraine eine Existenz aufgebaut: Eigener Friseur-Salon, Haus, ein eigenes Kind und zwei Kinder ihres Mannes Alexej gehören zur Familie. Das Problem: Sie lebten auf der Halbinsel Krim. "Ich sollte den russischen Ausweis nehmen", berichtet sie vom Druck nach der Annexion der Krim 2014, und: "Ich kann in meine alte Heimat nicht zurückkehren."
Die Familie beantragte vor dreieinhalb Jahren in Deutschland Asyl. Über Zirndorf kam die Familie nach Volkers, seit April 2015 arbeitet Julia Nigrezkul als Friseurin in Bad Kissingen. "Jeder Schritt ist sehr kompliziert, man kann nicht einfach weitergehen", blickt sie auf die vergangenen Jahre zurück, auch der Umzug nach Bad Kissingen sei erst nach einer langen Wartezeit möglich gewesen.
"Julia ist unheimlich ehrgeizig, sie hat jeden Sonntag für den Wettbewerb trainiert", berichtet ihre Chefin Janina Ehrenberg. Die 30-Jährige machte sich im November selbstständig. Weil der Laden in Bad Kissingen so gut läuft, hat sie mittlerweile vier Angestellte. Gerade weil es im Friseur-Handwerk so schwierig sei, gute Leute zu bekommen, freute sie sich über die ukrainische Mitarbeiterin: "Julia ist unheimlich gut, in dem, was sie tut", sagt die Friseurmeisterin - obwohl ihre ukrainische Ausbildung nicht einmal in Deutschland anerkannt werde.
Am 11. September gewann Julia Nigrezkul den renommierten Preis in Mainz. Seitdem setzt sich ihre Chefin dafür ein, dass sie zum weltweiten Entscheid nach London fahren kann. "Die Zeit drängt, kommenden Montag ist bereits das Training in Darmstadt." Julia Nigrezkul fährt von Behörde zu Behörde, aber: "Es ist, als ob man immer wieder auf eine Wand trifft."
Der Asylantrag der Familie Nigrezkul ist zwar abgelehnt, aber eine gerichtliche Überprüfung steht noch aus. "Es gibt noch keinen Verhandlungstermin, das kann noch ein ganzes Jahr dauern", berichtet Julia Nigrezkul. Ihren Ausweis habe sie vor dreieinhalb Jahren bei der Ausländerbehörde abgegeben. "Das soll gewährleisten, dass im Falle einer Ablehnung eine schnelle Abschiebung möglich ist", begründet Johannes Hardenacke, Pressesprecher der Regierung von Unterfranken, dieses Vorgehen.
"Uns liegt noch keine Anfrage vom Konsulat vor", berichtet Hardenacke weiter. In bestimmten Fällen könne die Ausländerbehörde einen Not-Reisepass ausstellen: "bei unbilliger Härte oder besonderem öffentlichen Interesse", so Hardenacke. Das schließe etwa Todesfälle in der Familie ein oder bei Schülern auch Klassenfahrten als Maßnahmen der Jugendhilfe. Aber: "Das sehen wir in dem Fall nicht", schließt Hardenacke eine Ausnahme für Julia Nigrezkul aus. Dafür sei der Wettbewerb zu sehr wirtschaftlich orientiert: "Es mag sein, dass das für ihre persönliche Entwicklung wichtig ist", urteilt Hardenacke, aber ein öffentliches Interesse erkenne die Behörde nicht.


Schlechte Perspektiven

Überhaupt hätten Asylbewerber aus der Ukraine eine schlechte Bleibeperspektive: Von 142 Abschiebungen in Unterfranken im vergangenen Jahr gingen 43 in die Ukraine. Da ändere auch die Herkunft von der Krim nichts: In solchen Fällen müssten zunächst "inländische Flucht-Alternativen" genutzt werden. Trotzdem gebe es noch einen Ausweg: Die Familie könne in der Ukraine ein Visum beantragen und dann ganz legal wieder einreisen.
Mit dem Fall haben sich auch die beiden Bundestagsabgeordneten Dorothee Bär (CSU) und Sabine Dittmar (SPD) befasst. Bär gab den Fall bereits ans Auswärtige Amt weiter. Dittmar sieht wenig Chancen, die Teilnahme noch zu ermöglichen: Selbst wenn der Notausweis ausgestellt würde, gelte der eigentlich nur im Schengenraum, also nicht in Großbritannien.