Mit "Emotionen" war das Konzert überschrieben. Und dann ein Programm, in dem drei der vier Werke aus dem 20. Jahrhundert stammen. Wie konnte das zusammengehen? Es gab überraschend viele Neugierige, die genau diese Frage beantwortet wissen wollten und die zu dem Konzert von Patricia Kopatchinskaja und der Camerata Bern in den Max-Littmann-Saal gekommen waren. Die Antwort muss zufriedenstellend ausgefallen sein, denn am Ende wurden die Musiker mit Ovationen gefeiert.

Sie lieben die Schwierigkeiten

Es hatte aber auch wieder einmal alles gepasst. Wer den Namen Camerata Bern hört, muss sich von allen Vorurteilen frei machen, die über die Berner so im Umlauf sind. Das ist eine Truppe von Solisten, die sich da zusammengetan haben, um gemeinsam auf Augenhöhe zu musizieren, die technisch unglaublich beweglich sind, die alle einen starken Hang zur Gestaltung, zur Expressivität haben und die Schwierigkeiten nicht fürchten, sondern lieben.

Es ist kein Wunder, dass sich die Cameraten für Patricia Kopachinskaja als Künstlerische Leiterin entschieden haben. Natürlich, man kennt sich. Sie hat - zum Teil - in Bern studiert und auch schon als Solistin mit dem Ensemble zusammengearbeitet. Vor allem aber passt sie genau zu der Truppe, weil auch sie gerne die ausgetretenen Pfade des Repertoires verlässt und weil sie dieselbe unbändige Freude am Virtuosen hat: Man muss sie nicht zum Spielen tragen.

Kontakt zwischen Spielern und Hörern

Es hat aber auch gepasst, dass Patricia Kopatchinskaja nicht nur eine fabelhafte Geigerin ist, sondern auch eine ebensolche Musikvermittlerin, die weiß, dass man auf das Publikum zugehen muss, wenn man ihm etwas zumuten will. Dass sich ein Publikum umso mehr öffnet, wenn es weiß, worauf es sich einzustellen hat, das dankbar ist auch für ein paar Hintergrundinformationen oder auch sparsam dosierte Anekdoten - wenn ein Kontakt zwischen Spielern und Hörern entsteht.

Patricia Kopatchinskaja begibt sich auch in den Blickwinkel der Zuhörer, wenn sie von der besonderen Situation des Live-Konzerts oder Funktion der Volksmusik spricht und meint: "Die klassische Musik ist viel zu abstrakt geworden." Und sie punktet mit der Ehrlichkeit: "Die Sonja Starke hat hier geführt, denn da ist eine Stelle, die ich nicht zählen kann. Da stelle ich mich gerne in die zweite Reihe." Man kann's glauben. Aber es kann auch Kollegialität gewesen sein.

Dass die Camerata Bern ein Ensemble von Solisten ist, zeigte gleich das erste Stück - auch im Titel: Musica concertante für 12 Solostreicher, das der Ungar und Wahl-Berner Sandor Veress 1966 für die Camerata geschrieben hat - in einer Phase, in der er mit der Zwölftonmusik experimentiert hat, ohne sie freilich konsequent anzuwenden. Sicher basiert auch die "Concertante" auf einer Zwölftonreihe, aber das gerät schnell in den Hintergrund. Denn wirklich faszinierend ist zum einen, was Veress daraus macht, nämlich eine Musik, die den einzelnen Stimmen enorme Anforderungen diktiert, aber auch klangliche und agogische Freiheiten lässt - verstecken kann sich da niemand - , die aber im gesteckten Rahmen bleiben müssen, was tolle Wechselwirkungen erzeugt. Zum anderen aber auch, wie die Berner das spielen: mit einer unglaublichen Konzentration, Klangvielfalt und Präzision.

Erstaunlich gering war da der Kontrast zu dem d-moll-Violinkonzert (nicht das berühmte), das Felix Mendelssohn-Bartholdy als 14-Jähriger geschrieben hat, und zwar mit einem ganz erstaunlichen Wissen um die technischen und klanglichen Möglichkeiten und Herausforderungen für die Violine. Der Eindruck der Nähe kam durch die Interpretation: Patrica Kopatchinskaja spielte den Solopart außerordentlich dicht, mit einem schnörkellosen, unromantischen, hochmodernen Klang und enormem Vortrieb, dass sich zum Teil völlig neue rhythmische Strukturen ergaben - vor allem im letzte Satz, den die Berner, fast wie einen Csardas, so rasant spielten, dass man sich eine Frage stellte: Wenn das ein Allegro sein soll, wie sieht dann ein echtes Presto aus?

Bei einem so starken Espressivo bei Mendelssohn und noch mehr bei Veress geriet Igor Strawinskys Concerto in Re fast ein bisschen ins Hintertreffen, bekam ein bisschen das Aroma des Altmodischen. Gespielt war das wunderbar, mit klarer Motorik, mit einer Strukturierung, die das Spiel mit den Lücken und rhythmischen Verschiebungen zu einer Herausforderung für die Fantasie machten. Und doch wirkte das Ganze ein bisschen harmlos, konventionell.

Auch im Vergleich zu dem letzten Werk, Alberto Ginasteras Concerto per corde op. 33. War e wieder der enorme interpretatorische Druck der Berner? Oder hatte man ganz einfach vergessen, dass Ginastera derart progressiv, derart fesselnd komponieren konnte. Das Konzert wurde zu einem klanglichen und virtuosen Rausch mit einem Finale, da an die Substanz ging - bei Musikern und Zuhörern gleichermaßen.

Zugaben nach jedem Stück

Und natürlich gab e noch eine besondere Überraschung: "Warum spielen wir Zugaben eigentlich immer nur am Schluss", hatte Patricia Kopatchinskaja nach dem Veress gefragt. Und so gab es nach jedem der angekündigten Stücke auch gleich eine Zugabe - oder Intermezzo, kleine, witzige Sätze in kleiner Besetzung wie etwa Heinz Holligers "Leiterlispiel" aus seinen "44 Duöli für zwei Violinen" oder das "Lalulalied" vo Francisco Coll, eine Schnurre für Stimme, Violine und Kontrabass, dessen Text von Morgenstern Patricia Kopatchinskaja total verfremdet und ein bisschen hysterisch sang. Das brachte noch mehr Vielfalt und sorgte für Entspannung.

Man hat sich an dem Abend keinen einzigen Ohrwurm eingefangen. Aber man hat mal wieder unmittelbar gespürt, wie dicht am Leben die zeitgenössische Musik sein kann.