Das war keine leichte Aufgabe für die Theatergruppe der Oberstufe des Jack-Steinberger-Gymnasiums: die Aufführung von William Shakespeares Komödie "Maß für Maß" im Kurtheater. Schwierige Aufgabe aus zwei Gründen. Zum ersten Mal stand der Truppe wegen der Umbauarbeiten die gewohnte Aula der Schule nicht zur Verfügung. Dafür sprang die Staatsbad GmbH ein und öffnete das Theater. Für die jungen Leute war das Spiel auf einer richtigen Bühne in einem richtigen Theater zwar ein ungewohntes, aber auch besonderes Erlebnis, das sie zunehmend genossen. Aber: Auf dieser Bühne taten sich weite Räume auf, die gefüllt sein wollten.

Zum anderen ist "Maß für Maß" eines der schwierigen Stücke, weil es ein Dialogstück ist, in dem viele Menschen viel reden, aber ansonsten nicht sehr viel passiert. Die Sprache wird zum Hauptwerkzeug. Zumal Gerhild Ahnert, Regisseurin, Dramaturgin und Bühnenbildnerin Personalunion angesichts der ungewohnten Spielstätte auf Bühnenbilder verzichtet hatte und mit einem Beamer kommentierende, spielorttypische Räume auf eine Leinwand im hinteren Bühnenbereich projizierte. Gelegentlich mal ein Tisch oder ein paar Stühle. Sonst nichts, woran man sich festhalten konnte. Die jungen Leute waren auf sich selbst verwiesen.

Das Experiment ist begeisternd gut gelungen. Man muss es einmal sagen. Es gibt viele Regisseure, die an dem Stück gescheitert sind - zuletzt Veit Güssow in Meiningen - weil sie den komödiantischen Momenten des eigentlich sehr ernsten Stückes nicht trauen oder weil sie in staatstragendes Pathos verfallen, zu dem sie sich vom Text verleiten lassen. Im Kurtheater blieb dieses Scheitern aus, weil die Truppe der Tragfähigkeit des Textes traute - Gerhild Ahnert hatte die Übersetzung von Frank Günther bearbeitet und ohne Sinnverluste auf zwei Stunden reine Spielzeit gekürzt Und weil die Regie sich traute, nicht Typen, sondern Charaktere auf der Bühne zu zeigen. So wurde die Doppelbödigkeit des Stückes deutlich: einerseits die ernst- und schmerzhafte Auseinandersetzung um Macht, Moral und Konsequenz bis in den Tod in den höheren Etagen, andererseits die nüchtern-komische Pragmatik des einfachen Volks im Parterre. Die Handlungsebenen waren nicht nur schlüssig entwickelt und verknüpft, sondern die Handlung war trotz ihrer Komplexität bis zuletzt stets durchschaubar.

Geschlossene Ensembleleistung

Das lag allerdings auch an dem engagierten, präzisen Spiel der gesamten Truppe: an Herzog Vincentino, den Johannes Fronius interessanterweise zum Unsympathieträger des Stückes machte, der sich zum Schluss, auch wenn er da wie der Erlöser auftrat, sich eingestehen musste, dass er gescheitert war. An seinem bruteln, aber nachdenklichen Bruder Bruder Angelo (Bastian Kister), der an seiner Prinzipientreue scheitert, der er selbst zum Oper fällt. An dem jungen, fehlgetretenen Claudio (Kai Kochanbowski), der mit seinen knappen Auftritten einen intensiven Eindruck hinterlässt. An seiner Schwester, der Novizin Isabella, der Mona Münzel eine enorme Bandbreite zwischen Emotionalität und Verstand gibt. An Lucio (Jan Lamprecht), der ein tolles Changieren zwischen Hofnarr, Stenz und echtem Freund gestaltete. An Pompejus Sack, Zuhälter und Bierzapfer, dessen verkommene, zotengespickte Underdogarroganz Laura Küntzler so genüsslich zelebrierte, dass sie schon bei ihrem Erscheinen erwartungsvolle Lacher erntete. An dem Wachtmeister Ellbogen, dem Victoria Brath die Dummheit aus den Uniformknopflöchern herausdrückte. An allen Ensemblemitgliedern, die mit großer Konzentration die Entwicklung mit gutem Tempo vorantrieben, die nie aus ihrer Rolle fielen, die immer genau wussten,. was sie sagten, was sie zu tun hatten. Und die von einer stimmungsvollen Bühnenlivemusik begleitet wurden.

Es war einmal mehr eine dieser textklärenden Aufführungen der Theatergruppe, die auch für Zuschauer, die das Stück kennen, bis zum Schluss spannend blieb. Die Bühne hätte problemlos noch größer sein können.


Die Mitwirkenden:
Vincentio, Herzog von Wien: Johannes Fronius (12)
Angelo, sein Stellvertreter: Bastian Kister (12)
Escalus, Berater des Herzogs: Zeno Scherner (12)
Claudio, ein junger Bürgerssohn : Kai Kochanowski (11)

Isabella, seine Schwester, Novizin: Mona Münzel (12)
Julia, seine Geliebte: nn-Sophie Rüttiger (11)
Lucio, Claudios cooler Freund: Jan Lamprecht (12)
Mariana, Angelos Ehemalige: Larissa Hettler (11)
Gefängniswärter: Xenia Simon (10a)
Ellbogen, ein einfältiger Wachtmeister: Victoria Brath (12)
Ein Richter: Mara Scherner (11)
Bruder Thomas oder Bruder Peter: Adeliya Sagitova (10a)
Franziska, eine Nonne: Erika Seitz (11)
Mistress Overdone, eine Puffmutter: Sophia Künzl (12)
Pompejus, ihr Zuhälter und Bierzapfer: Laura Küntzler (11)
Schaum, Kleinbürger und ihr Kunde: Lena Beck (11)
Scheißlich, der Henker: Mara Scherner (11)
Barnardino, ein verurteilter Mörder: Zeno Scherner (12)
Diener/ Freundinnen Lucios/ Wächter:
Sarah Keune (10a), Mona Lauter (10a), Lena Beck (11), Adeliya Sagitova (10a)

Junge Paare:
Louisa Albrecht (11), Oskar Seitz (12)
Amelie Hagedorn (11), Jonas Albrecht (12)
Camille Zenses (7e), Alexey Hütter (7e)

Bühnen-Livemusik:
Ludwig Geßner (11), Tenorsaxophon
Tobias Hegemann (11), (Bass-)Trompete
Jakob Martens (12), Alt-, Baritonsaxophon
Jonas Kiesel (12), E-Bass
Stefan Hartmann (12), E-Gitarre

Bühnentechnik: Udo Baum
Ausstattung: Mona Münzel, Bastian Kister
Requisite: Mona Lauter, Sarah Keune, Adeliya Sagitova
Maske: Laura Küntzler, Victoria Brath, Ann-Sophie Rüttiger
Druckbearbeitung: Harald Brensing
Regieassistenz: Laura Küntzler, Ann-Sophie Rüttiger

Textbearbeitung, Dramaturgie, Gesamtleitung: Gerhild Ahnert