Es ist längst kein Geheimtipp mehr und ein gern gesehener Gast im Großen Saal des Bad Kissinger Regentenbaues - das Bayerische Ärzteorchester. Unter den vielen Ärzteorchestern in Deutschland ist das Bayerische (kurz BÄO) eines der traditionsreicheren, eines der größten und eines der besten. Und: Es hat seit Jahren in Bad Kissingen eine durchaus treue Fangemeinde.
Im Jahr 1967 wurde das Orchester von seinem derzeitigen musikalischen Leiter, Richard Steinberg, gegründet. Das BÄO zählt zur Zeit über 200 Musiker, davon viele Medizinstudenten, welche die Möglichkeit erhalten, ihre musikalische Praxis über das lange Studium hinaus zu erhalten. Einmal im Jahr sperren über 70 musikbegeisterte Mediziner ihre Praxen zu, um sich in einer intensiven Probenwoche ihrem Steckenpferd widmen zu können, und danach mit dem Erarbeiteten Konzerte zu geben.

Von der Isar an die Saale

Wie im vergangenen Jahr war neben München auch Bad Kis singen einer der Konzertorte, diesmal mit einem sehr romantischen Programm. Den Anfang machte die Ouvertüre zu Manfred von Lord Byron (op. 115), ein Orchesterwerk von Robert Schumann. Als "dramatisches Gedicht mit Musik" und nicht als "Oper, Singspiel oder Melodram" wollte Robert Schumann (1810-1856) "seinen Manfred" verstanden wissen. Für das "dramatische Gedicht mit Musik" skizzierte Schumann die Ouvertüre, welche das Ärzteorchester in erstklassiger Weise wiedergab.
Außergewöhnlich war auch die 1. Sinfonie E-Dur von Franz Schmidt (1874-1939). Als pianistisches Wunderkind und Cellist eignete er sich schon in jungen Jahren eine geradezu universelle Kenntnis der Musikliteratur an. Man sagte ihm nach, dass er auf der Basis eines phänomenalen musikalischen Gedächtnisses fast alle gängigen Werke auswendig spielen konnte. Im Alter von 22 Jahren machte sich Schmidt - möglicherweise beflügelt durch die Tatsache, dass er gegen 14 Mitbewerber eine Stelle als Cellist bei den Wiener Philharmonikern erlangt hatte - daran, diese Kenntnisse in einem großen Werk zu verarbeiten.

Kaum bekannt

Schmidts 1. Symphonie ist, anders als die drei Werke der gleichen Gattung, die er noch komponieren sollte, heute so gut wie unbekannt. Sie wird in den einschlägigen Werken in der Regel nicht einmal erwähnt. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie als Jugendwerk gilt und ihre Aufführung durch technische Schwierigkeiten erschwert ist, mit denen Schmidt möglicherweise seine Kollegen als Mitglieder eines Orchesters, das als das beste der Welt galt, beeindrucken wollte. Brillant setzte Richard Steinberg mit dem Bayeri schen Ärzteorchester diese Symphonie um und ließ sie zu einem atemberaubenden Erlebnis und Ohrenschmaus werden.

Eine sehr junge Solistin

Ein weiterer Höhepunkt war das 1. Violinkonzert g-Moll, op. 26 von Max Bruch (1838-1920) mit der erst 19-jährigen Violinensolistin Mariella Haubs. Das Violinkonzert hat drei Sätze. Das einfühlsame Adagio ist als zentrales Thema des Werkes zu betrachten. Der sehr lyrische Satz ist einer Romanze nachempfunden. Er fängt direkt übergehend mit einem gesanglichen Hauptthema an. In der Mitte folgt eine Modulation nach Ges-Dur.

Ein neues Klangbild

Durch diese tonale Verschiebung entsteht ein neues Klangbild, das sich zu einem hellen Es-Dur entwickelt. Diese leichte musikalische Verschiebung bewirkt eine Veränderung des Klangbildes: Noch einmal er klingt das lyrische Hauptthema, bevor dieser Satz verklingt. Der letzte Satz ist kontrastreich virtuos angelegt und fordert die technischen Möglichkeiten des Solisten heraus. Mit einer jugendlichen Frische und Dynamik und imponierender Perfektion bestach Mariella Haubs bei ihren Solopassagen. Einfühlsam intonierten ihre Kolleginnen und Kollegen ihr Spiel.

Publikum spendet Applaus

Mit lang anhaltendem Applaus bedankte sich das Publikum für ein wirklich herausragendes Konzerterlebnis, das mit glanzvollen Auslegungen der überaus kniffligen Kompositionen bestach.