Melissa fühlt sich wohl im Kissori-Lernzentrum: "Ich freue mich, wenn ich in die Schule gehen kann", erzählt die 14-Jährige aus Nüdlingen. Vor dreieinhalb Jahren hat sie den Aufbau des neuen Gymnasiums miterlebt, damals wechselte sie aus der 5. Klasse der Volksschule Nüdlingen nach Bad Kissingen. "Der Druck ist hier nicht so extrem, dadurch lerne ich einfacher", beschreibt sie einen der Unterschiede, und: "Wir sprechen hier auch viel mehr über unsere Probleme."
Selina (12) hat die weiteste Anfahrt: Seit September kommt sie jeden Tag aus Hendungen nach Bad Kissingen. Vorher war sie sechs Jahre an einer Montessori-Schule. "Ich fühle mich wohl hier, das Miteinander ist ganz besonders", berichtet Selina. "Die Gemeinschaft ist besser als an Regelschulen", sagt auch Antonia (11) aus Hammelburg. Jeder könne sich seine Lerninhalte selbst zusammenstellen, und trotzdem gebe es viele gemeinsame Erlebnisse.


Bewerbung um Arbeitsthemen

Was welcher Schüler lernt, bestimmt im Kissori-Lernzentrum kein Lehrer: "Wenn man ein Thema bearbeiten will, muss man eine Bewerbung schreiben", sagt Richard Lutz, der sich die Schulleitung mit Bernhard Löser teilt. In Absprache mit dem Lernbegleiter werde dann festgelegt, welche Aspekte die Schüler genauer ausarbeiten, in welchen Fächern Nachholbedarf besteht. Zudem gebe es ein festes Grundwissen, die Schüler müssen also genauso Vokabeln lernen wie an der Regelschule.
Noten vergeben die Lernbegleiter zwar keine, aber: "Jedes Kind hat in der Woche mindestens einen Test, manchmal sogar täglich", betont Lutz. Schließlich sollen die Jugendlichen auch auf die Abiturprüfungen vorbereitet werden: In vier bis fünf Jahren könnten sich die ersten der Herausforderung stellen: Vier schriftliche und vier mündliche Prüfungen an einer Regelschule stehen dann an.


24 Mitarbeiter, 82 Schüler

24 Mitarbeiter begleiten aktuell 25 Mädchen und Jungen im Kinderhaus, 33 in der Grundstufe und 24 in Unter- und Mittelstufe des Gymnasiums. Alle Lernbegleiter haben ein Lehramtsstudium und Erfahrungen an Regelschulen hinter sich. Mit dem Wechsel ans Kissori-Lernzentrum verzichten sie sogar auf ihren Beamtenstatus - trotz täglicher Arbeitszeiten von 7.30 bis 16.30 Uhr und hohen Anforderungen: "Neben der Fachkompetenz muss auch eine Führungspersönlichkeit da sein", betont Lutz.
"Die ersten vier Jahre müssen wir alleine bestehen", sagt Geschäftsführerin Margarete Presl zur wirtschaftlichen Seite des neuen Gymnasiums. Das Kinderhaus sei von Beginn an bezuschusst worden, in der Grundstufe lief die Förderung nach zwei Jahren 2013 an. Ab Herbst hofft sie nun auf den Personalkostenzuschuss für das Gymnasium: "Wir wollen uns die Freiheit des Lernens nicht nehmen lassen, aber wir erfüllen aktuell sowieso alle Auflagen", sagt sie zu den Rahmenbedingungen.
In Aussicht gestellt werden 60 Prozent der Kosten, zudem seien für die Anfangsjahre Nachzahlungen vorgesehen. Langfristig bleibe der Betreiber also nicht auf den Kosten für den Neustart sitzen, sondern müsse sie "nur" vorfinanzieren. Die Eltern beteiligen sich mit mindestens 180 Euro im Monat in der Grundstufe und mindestens 330 Euro im Monat im Gymnasium. "Die Finanzierung ist langfristig angelegt", sagt Margarete Presl, und: "Es bleibt ein spannender Weg."

Überblick Laut Kultusministerium gibt es in Bayern insgesamt über 420 Gymnasien, davon knapp 320 staatliche und rund 30 kommunale. Knapp 75 seien privat, davon rund 50 in kirchlicher Trägerschaft und rund 20 Freie Waldorfschulen. Ein dezidiert reformpädagogisches Konzept haben neben dem Kissori-Gymnasium Bad Kissingen die Montessori-Schule Gut Biberkor und das Jenaplan-Gymnasium Nürnberg. Im vergangenen Schuljahr besuchten rund 282 100 Schüler ein staatliches und 33 800 ein privates Gymnasium. Rund 404 500 Schüler gingen im vergangenen Schuljahr in eine der 2260 staatlichen, weitere 15 500 Schulen in eine der 145 privaten Grundschulen.

Voraussetzung Um Förderung zu bekommen, müssen private Schulen laut Ministerium "dieselbe Qualifikation verleihen wie eine öffentliche Schulung", zudem gibt es feste Vorgaben für Schulräume, Ausstattung, Lehr- und Stundenpläne sowie Leistungsbewertung.

Gründung Im Dezember 2010 wurde die gemeinnützige Gesellschaft "Kissori Lernzentrum" gegründet. Im September 2011 nahm die Grundschule die Arbeit im ehemaligen Jugendaktivhotel in der Salinenstraße auf, ein Jahr später das Gymnasium. Das pädagogische Konzept fußt auf der "Themenzentrierte Interaktion" (TZI) von Ruth Cohn sowie Ideen der Pädagogen Maria Montessori und Célestin Freinet.

Kontakt Ein Info-Tag ist für Samstag, 30. Januar, geplant. Anmeldungen sind erforderlich unter sekretariat@kissori.de oder Tel.: 0971/ 7853 6741.