Bad KissingenNoch immer ist Carl Zuckmayers "Des Teufels General" bekannter Titel aus dem Repertoire der jungen Bundesrepublik nach dem Ende von Naziterror und Krieg. Doch fand es sich jahrzehntelang kaum mehr auf den Spielplänen der Theater. Das macht das Unterfangen der renommiertesten deutschen Tourneetruppe, gerade dieses nur als Zeitdokument noch präsente Drama 2016 in einer Neuinszenierung deutschlandweit zu zeigen, zu einer spannenden Angelegenheit.


Der Maxime treu geblieben

Kann es überzeugen, wie es nach dem 2. Weltkrieg überzeugt hat, nachdem wir in Film und Fernsehen mit Spielhandlungen und Dokumentationen über die NS-Zeit überhäuft wurden?

Regisseur Klaus Kusenberg, Schauspielchef am Theater Nürnberg, ist mit dieser Inszenierung seiner Maxime treu geblieben: "Im Theater geht es um die Arbeit mit Schauspielern, um Spiel und Fantasie. Das Grundfaszinosum ist für mich geblieben: Jemand tritt auf die Bühne - und ist jemand anders." Und diese Anderen, diese Deutschen im Kriegsjahr 1941, traten dem Publikum in großer Unmittelbarkeit gegenüber.

Obwohl Bühnenbildner Günter Hellweg auf seinen zwei Spielebenen mit Treppe die drei Handlungsorte nur durch passende oder symbolträchtige (Wolfsfell) Requisiten andeutete, trafen die von Zuckmayer mit der Routine des Vor-Nazi-Erfolgsdramatikers gestalteten Dialoge mit einer Wucht, die nur das Theater erlaubt.

Da standen Charaktere mit widersprüchlichen Eigenschaften auf der Bühne, denen man sich schwer entziehen kann. Carl Zuckmayer kannte einen wie diesen Nazi-General Harras; er war gut befreundet mit dem von den Nazis gefeierten, doch regimekritischen Flieger Ernst Udet, und war sich deshalb auch im amerikanischen Exil sicher, dass dessen angeblicher Flugunfall Selbstmord war. Auch sein Harras erhält wie Udet am Ende ein Staatsbegräbnis.

Zuckmayer begann 1942 im amerikanischen Exil sein Stück zu schreiben, arbeitete bis nach Kriegsende daran und schaffte es nach der erfolgreichen Premiere in Zürich im Dezember 1946, die Erlaubnis für eine deutsche Uraufführung im November 1947 in Hamburg zu erreichen. Das deutsche Publikum war fasziniert von diesem Blick in die Privatsphäre der vor kurzem noch Mächtigen, nahm Harras aber auch als willkommene Identifikationsfigur des Unangepassten in einer Zeit, in der alle Deutschen für die Besatzer als immer noch gefährliche Nazis oder Mitläufer galten.


Die Welt in 20 Personen

Zuckmayer versucht die Gesellschaft um den ebenso faszinierenden wie in seinen Ansprüchen monströsen, den Nazis höchst suspekten Fliegergeneral Harras auf die Bühne zu bringen und an ihnen verschiedene Einstellungen zum Regime zu zeigen: Oberst Friedrich Eilers (sehr präsent in seiner pflichttreuen Unaufgeregtheit Thorsten Nindel) ist der Soldat, der für sein Land kämpft, ohne über dessen Regierung nachzudenken, sich nach Ruhe und Familie sehnt, die er nie erlangen wird. Als weitere Mitglieder seiner Staffel sind der dem Führer aus Dankbarkeit absolut loyale bayerische "Pfundskerl" Pfundtmayer (eindrucksvoll in seiner dröhnenden und fast komödiantischen Unbeirrbarkeit Peter Schmidt-Pavloff) und der junge Leutnant Hartmann, voll von der Rechtmäßigkeit des Kampfes der Wehrmacht überzeugt, bis er im Osten Augenzeuge einer Hinrichtung von Unschuldigen wird (leise, nachdenklich, in seiner Wandlung zum Widerstandskämpfer glaubhaft Adrian Spielbauer), zu diesem Empfang zu ihren Ehren geladen.

Mit Sigbert von Mohrungen zeigt Zuckmayer einen Vertreter der deutschen Großindustrie, Unterstützer Hitlers gegen den Bolschewismus (Andreas Klein als imposanter, im Umgang mit seiner Familie liebevoller, später politisch nachdenklicher Patriach), der mit seinen beiden Töchtern Anne und Pützchen zu Gast ist. Anne ist Eilers Frau, die Angst um ihn hat, dennoch überzeugt ist, dass das Opfer, das ihre Familie für den Krieg bringt, sinnvoll ist und zum Sieg führen wird (Marsha Zimmermann mit großer Wandelbarkeit von der anschmiegsamen Ehefrau zur Rächerin).

Pützchen wechselt vom Lulu-Typ problemlos in die Hierarchie der BDM-Funktionärinnen hinüber, lässt eiskalt ihren Verlobten Hartmann wegen seines nicht lückenlosen Ariernachweises hinter sich (faszinierend in all den Facetten ihrer Rolle Martina Dähne). Für die von den Nazis hofierten Staatskünstler stehen die Operettendiva Olivia Geiss (brillant, souverän, eindrucksvoll Annette Kreft) mit ihrer Nichte Diddo Geiss, der naiven, jungen Schauspielelevin, (Elisabeth Halkiopoulos anrührend in ihrer Wandlung vom schwärmerischen Teenager zur liebenden Frau).

Mit Eiseskälte und dem Zynismus des seiner Macht Sicheren beobachtet werden alle von einem Mitarbeiter der Gestapo, Kulturleiter Dr. Schmidt-Lausitz (Markus Fisher in fast beklemmender Unnahbarkeit). Hans Machowiak spielte den Restaurantleiter Otto und das gesamte Bedienungspersonal und den Widerstandskämpfer Oderbruch (gerade, normalmenschlich, unauffällig, wie es Zuckmayer wollte).


Die beinahe Tragik eines Helden

Diese Vertreter des deutschen Militärs, Bürgertums mit mehr oder weniger nazistischer Gesinnung bilden den Rahmen für zwei lange fast inselhaft in ihrer Unangreifbarkeitsillusion gezeigte Figuren, denen die Drohungen Schmidt-Lausitz oder die Warnungen Frau Geiss nichts anhaben zu können scheinen. Daniel Pietzuch , als "Korrianke" Rollenträger für Harras Chauffeur und Adjutanten, scheint schon wegen seiner derben, immer wieder für Lacher guten Berliner Schnauze unangreifbar, ist in dieser Aufführung fast ein Alter Ego des großen Harras aus dem Volk. Den gab Gerd Silberbauer als ein im Feiern, Lieben, Sich-in-Szene-Setzen, in seiner Selbstverliebtheit, aber auch seiner väterlichen Sorge für alle in seiner Umgebung, seiner Hilfsbereitschaft für Verfolgte als absolut vielschichtigen und dadurch äußerst interessanten Charakter.

Er glaubt, sich aufgrund seiner fanatischen Liebe zur Fliegerei in die Position des Generals für den Teufel Hitler gebracht zu haben, sieht seinen Fehler ein und lässt Oderbruch weiter Sabotage betreiben, setzt sich in ein manipuliertes Flugzeug und stürzt ab. Das Opfer ist ehrenwert, auch wenn nicht ganz klar wurde, dass er damit Oderbruch den Hals rettet. Doch wurde in dieser Aufführung und gerade durch die differenzierte Darstellung Silberbauers klar, was uns heute noch mehr berührt: Dieser sympathische wie unmäßige und unbedenkliche Querkopf macht klar, gerade weil er so fehlerhaft und menschlich ist, dass er inmitten eines totalitären Regimes auf Unabdingbarkeit seiner persönlichen Freiheit(en) besteht, auch in Anwesenheit des Spitzels nicht anders kann als seine Kritik unverblümt zu äußern, auszusprechen, was richtig und falsch ist. Und das bringt ihn beinahe in die Nähe eines tragischer Helden wie Schillers Posa.

Und das hat uns auch heute noch etwas zu sagen, wie der begeisterte Applaus im fast voll besetzten Kissinger Kurtheater für diese im großen Aufriss wie im schauspielerischen Detail ausgezeichnete Aufführung des Euro-Studio Landgraf zeigte.