Schon seit 1994 gilt das deutsche Arbeitszeitgesetz. Doch erst mit Inkrafttreten des neuen Mindestlohngesetzes im Januar 2015 und der damit verbundenen stundengenauen Dokumentationspflicht herrscht in der Gastronomie im Landkreis wie im Bund großer Unmut. "Die werktägliche Arbeitszeit der Arbeitnehmer darf acht Stunden nicht überschreiten", heißt es im Gesetz. Sie kann nur im Ausnahmefall auf zehn Stunden verlängert werden. Mit der Dokumentationspflicht zur strikten Einhaltung dieser Tagesarbeitszeit hat Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles allerdings die Rechnung ohne den Wirt gemacht.
"Diese Arbeitszeitregelung ist nicht praxisnah", schimpft Thomas Hergenröder vom Landgasthof zum Weißen Rössl in Stralsbach. Sohn Michael steht mit am Herd und Ehefrau Arnita arbeitet im Service, solange ihre Gäste es wünschen. Beide sind im Familienbetrieb fest angestellt und fallen damit unter die Gesetzesregelung. "Jetzt soll ich Frau und Sohn nach acht Stunden in die Wohnung schicken, auch wenn sie es gar nicht wollen?" Sein Kollege Harald Spath vom Gasthof Nöth in Morlesau meint: "Wir sind ein Gasthaus und müssen uns nach dem Gast richten, wenn wir überleben wollen."
"Was soll ich solchen Gästen sagen, die spätabends nach dem Konzert bei mir noch essen wollen, wenn der Koch aber sein Arbeitskonto schon voll hat?" fragt Christian Hippler, Hausherr in Schuberts Wein & Wirtschaft in Bad Kissingen. Zusätzliche Fachkräfte einzustellen, um die bisherigen Küchen- und Öffnungszeiten halten zu können, sei im Landkreis fast unmöglich. "Es gibt kaum Fachkräfte." Er wird ab August die Küchenzeiten mittags wie abends um eine halbe Stunde kürzen. "Andere Kollegen öffnen mittags nicht mehr, um Stunden zu sparen", hat er schon gehört.

40-Stunden-Woche kein Problem

Hippler stellt keineswegs die 40-Stunden-Woche infrage: "Die haben wir schon immer eingehalten." Ihm und seinen Kollegen geht es um die Begrenzung auf acht Stunden pro Tag.
"Zusätzliches Personal können wir uns gar nicht leisten", sieht es Roswitha Henkelmann vom Münnerstädter Hotel Tilman von der finanziellen Seite. Wenn nun doch unangemeldet eine Gästegruppe am späten Abend ins Restaurant kommt, "muss ich unbezahlt einspringen." Da sie nicht im Hotelbetrieb angestellt ist, ist ihr diese unentgeltliche Mitarbeit unbegrenzt erlaubt, bestätigt Michael Schwägerl, Unterfrankens Bezirksgeschäftsführer im Branchenverband Dehoga.
Er kennt noch ein anderes Problem: Neuerdings finden sich kaum noch Aushilfen. Denn hat eine Aushilfe bereits einen Vollzeitjob, zählen auch diese geleisteten Arbeitsstunden, so dass zusätzliche Aushilfsstunden im Dorfgasthof nicht mehr erlaubt sind. "Die Stimmung in der Gastronomie ist schlecht", fasst Schwägerl zusammen.
Ähnlich sieht es Kreisvorsitzender Heinz Stempfle. Allerdings halten die Gastwirte im Landkreis still. "Es ist Ruhe an der Front." Die Profis in der Branche wissen, dass sie sich an Recht und Gesetz halten müssen. Stempfle erinnert an die Gefahr des drohenden Bußgeldes bei Verstößen.
Zu den Profis im Landkreis gehört auch Brigitte Schaub, Inhaberin des Hotels Bayerischer Hof in Münnerstadt. Sie hat keine Probleme. Mit ihren fünf Vollzeitkräften und einigen Aushilfen deckt sie ihre Öffnungszeiten voll ab. "Wir haben von 11 bis 21.30 Uhr durchgehend warme Küche." Auch Joachim Pfaff vom Alten Badehaus in Bad Brückenau hat kaum Probleme. Allerdings hat er seine 450-Euro-Aushilfen fest eingestellt, um seine Arbeitseinsätze flexibler planen zu können.

Stundenaussgleich

Nicht nur die Gastronomen, auch deren Mitarbeiter zeigen wenig Verständnis für die strikte Arbeitszeitregelung. Björn Reiniger, bei Schuberts Wein & Wirtschaft (Bad Kissingen) im Service und seit 16 Jahren in der Branche tätig, zuckt die Schultern: "In der Gastronomie kennen wir unregelmäßige Arbeitszeiten. Für unsere Gäste müssen wir flexibel sein." Schon immer gab es für den jungen Vater einen Stundenausgleich. "Die Arbeitszeit war nie ein Thema bei uns zuhause."

Aktuell herrscht also Unruhe in der Branche. Schwägerl: "Niemand weiß, wohin die Reise geht." Am 30. Juni verkündete Andrea Nahles, die Dokumentationspflicht könne wohl doch gelockert, Familienangehörige sogar ganz ausgenommen und die Arbeitszeit in Saisonbetrieben auf zwölf Stunden angehoben werden. "Es hat sich etwas bewegt und es ist gut so", frohlockte prompt der Dehoga-Bundesverband. Die Hauptprobleme der Branche wie zusätzliche Arbeitsstunden bei ungeplant länger dauernden Veranstaltungen oder eine geringfügige Zusatzbeschäftigung von Aushilfen neben einem Vollzeitjob seien damit noch nicht gelöst.