Karin Zeisberger verschwindet im Dunst. Linke Hand das Bügeleisen, rechte Hand ein weißes Stofftuch. Über dem Holzblock vor ihr spannt ein braunes Stück Filz. Bevor eine Frau demnächst ihr Outfit mit dem Hut krönt, an dem die Modistin arbeitet, braucht es noch einige Handgriffe. Mütze, Dreispitz, Kappe, Haube oder Zylinder: Bis zu 80 Stunden steckt Karin Zeisberger in eine Kopfbedeckung. Ziehen, strecken, dampfen, zerren, klappen, knicken und wieder dampfen - wie der Hut am Schluss mal aussehen wird, weiß Karin Zeisberger vorher nie genau. Die Kundschaft schätzt die Hut-Kunst der 51-Jährigen aus Waldfenster. Köpfe aus ganz Deutschland schützen und zieren sich mit ihren Kreationen - darunter auch einige adelige Häupter.


Hut-Kunst seit 30 Jahren

Wer durch die hintere Tür in die Werkstatt von Karin Zeisberger tritt, sieht die Chefin im ersten Augenblick gar nicht. Links trocknen Filzhüte unter ausrangierten Trockenhauben, die Hängeschränke sind mit Zetteln tapeziert, die Wandfarbe - unbekannt. Dazwischen ihre Mitarbeiterin - genannt "Perle" - Barbara Fröhlich an einer der Nähmaschinen. Karin Zeisberger steht hinter dem Arbeitstisch. Der ist fast so groß wie die Werkstatt und voller Hut-Türme. Die Luft ist schwer vom Wasserdampf. Unter ihrem Kinn baumelt eine rote Brille. Ein paar blonde Strähnen haben sich aus ihrer Hochsteckfrisur befreit. Rote Turnschuhe, gestrickte Ringelsocken - die Modistin ist genauso bunt wie ihre Hut-Kunst. Vor 30 Jahren hat sie ihren Laden in Waldfenster aufgesperrt. Seitdem ist kein Hut entstanden, der aussieht wie der andere.
Klar, die Vereins- und Zunfthüte fertigt sie nach einem Muster. Aber am liebsten tobt sie sich aus: "Es wird mir sonst zu langweilig", sagt sie und grinst. Ständig entwirft sie neue Kollektionen. Gestreift, kariert, uni, mit Schnalle, Knöpfen, Schleifen, Tüchern, Federn, Broschen und Blättern, aus Filz, Stroh oder Stoff - "als Selbstständiger muss man sich immer was Neues einfallen lassen". Am liebsten lässt sie sich in Italien inspirieren. Dort stöbert sie neue Stoffe und Materialien auf. Daraus entstehen Hüte für sämtliche Lebenslagen: Modenschauen, Hochzeiten, Alltag, Freizeit und Beruf. "Eine Kopfbedeckung kann vieles zum Ausdruck bringen", sagt Karin Zeisberger. "Ob als Gebrauchsgegenstand oder zu besonderen Anlässen."


Adelige Kundschaft

Das Telefon schellt. Ob sie heute Mittag den Hut abholen kann, wird die Kundin am anderen Ende der Leitung fragen. Den hat die Hutmachermeisterin farblich auf das Dirndl der Dame abgestimmt - beige und altrosa, gefedert und mit bunten Bändern umwickelt. Für einen anderen Auftrag hat sie per Mail von einer Stammkundin ein paar Fotos eines Abendkleids bekommen, das sie bei einer Adelshochzeit tragen wird. Dazu will sie den passenden Hut. "Ja, es gibt noch Orte in Deutschland, wo auf Hochzeiten Hüte getragen werden", sagt sie. Einige der adeligen Hochzeitsgäste - Namen mag die Geschäftsfrau nicht verraten - hat sie mit ihren Hut-Kreationen ausgestattet.
Und überhaupt: "Der Hut ist auf jeden Fall im Kommen." Ende der 80er-Jahre war die Kopfbedeckung "ein bisschen out". Jetzt ist die Mode wieder offen, meint sie. "Ich merke was gut ankommt, und das wird weiterentwickelt." Die Leute schützen sich außerdem mehr vor Sonne, Wind und Wetter und investieren in einen Hut. Früher wurde der Hut speziell fürs Kostüm gefertigt, erzählt sie. "Heutzutage soll er zu allem passen. Es kommt mehr auf die Alltagstauglichkeit an."
Gartenfestivals, Weihnachtsmärkte, Messen, wer nicht in den Laden der 51-Jährigen kommt, deckt sich dort mit der Bedeckung ein. Für ihre Modelle ist nicht nur sie mehrfach ausgezeichnet worden. Ihre Auszubildenden werden regelmäßig prämiert. "Mir ist es wichtig, dass die Lehrlinge ihr Handwerk beherrschen und ich ihnen so viel beibringe, dass sie ihren Beruf gut machen können." Ausgelernt habe man aber nie: Damit man die Ideen verwirklichen kann, die einem im Kopf herumspuken, meint sie.


Wie wird man Hutmacher?


Ausbildung Die duale Ausbildung zum Modist dauert drei Jahre. Lehrlinge sind in einem Handwerksbetrieb oder in der Hutmacherindustrie angestellt und besuchen parallel die Berufsschule. Ein bestimmter Schulabschluss ist nicht vorgeschrieben.

Fähigkeiten Wer Hutmacher lernen will, sollte handwerklich geschickt sein und mit Nadel und Faden umgehen können. Außerdem darf ihm heißer Dampf nichts ausmachen. Lehrlinge sollten kreativ sein und ein Gespür für Mode und Trends haben.

Beruf Modisten arbeiten in Handwerksbetrieben, der industriellen Fertigung und in
Kostüm- und Hutmachereien von Opern- und Schauspielhäusern oder Filmstudios.