Wenn der Name Sokolov fällt, dann gehen die Augenbrauen des Musikfreundes kennerisch nach oben, dann erstirbt, zumindest kurz, jedes Gespräch, dann richten sich seine Gedanken auf den Petersburger, und er seufzt. Grigory Sokolov gilt in der Welt, die nach Superlativen strebt, als der Beste der Pianistenzunft. Die Frage nach den Kriterien für ein solches Urteil muss allerdings offen bleiben.
Denn seine ritualisierten Auftritte in der Dunkelkammer, bei denen die Fangemeinde gerne mitspielt, sein schattenhaftes Auftauchen aus dem Dunkel, seine kurze Verbeugung, sein sofortiges Abtauchen nach dem letzten Takt wie ein klavierspielendes Phantom, seine sechs Zugaben quer durch den Etüdengarten können nicht die Basis der Bewertung sein.
Bei den musikalischen Gesichtspunkten tat man sich jetzt bei Sokolovs Klavierabend im Großen auch etwas schwer. Vielleicht hatte er ausnahmsweise einmal nicht seinen besten Tag. Das kommt auch bei den größten Musikern vor, vor allem, wenn sie eine Spielzeit lang immer dasselbe Programm spielen. Denn Sokolov hatte für seine Verhältnisse und seinen Eigenanspruch im ersten Teil des Konzerts doch einige Fehlgriffe und kleine Nachdenklichkeitszäsuren (im zweiten Teil waren es deutlich weniger). Das wäre nicht weiter schlimm, aber es fiel auf, weil Sokolov bei der B-dur-PartitaBWV 825 von Johann Sebastian Bach die Entspersonalisierung wieder ein Stück weitertrieb, weil er die emotionale Schiene überhaupt nicht bediente. Natürlich war es interessant zu erleben, wie seine lockere linke Hand die rechte dynamisch steuerte. Aber er spielte wie ein Automat, virtuos, aber unterkühlt, und das sollte nicht das Ziel eines Musikers sein.
Auch Ludwig van Beethovens D-dur-Sonate op. 10/3 konnte den Ruf nicht begründen, und das Publikum reagierte auch für seine Verhältnisse relativ zurückhaltend. Natürlich ist das, schon durch die Verwendung von drei Themen im ersten Satz, ein relativ konfrontatives Werk voller Spannungen. Aber Sokolov zerlegte es in einzelne nebeneinander stehende Blöcke, und zwar in einer so rigorosen Weise, dass die Sinnzusammenhänge stellenweise verloren gingen.

Ein anderer Sokolov

Ganz anders war das bei Franz Schubert im zweiten Teil. In seiner a-moll-Sonate D 784 entdeckte und zeigte Sokolov Strukturen, die zwar von Anfang an in dem Werk stecken, bisher aber noch nie ans Tageslicht gebracht worden waren. Hier war auch plötzlich so etwas wie Emotionalität zu spüren, hier brachte er das Klavier zum Singen. Vielleicht hätte er das Allegro giusto des ersten Satzes gegen das bei ihm fast gleiche Andante-Tempo des Adagio-Satzes stärker absetzen können, um Spannung zu erzeugen. Aber dem Gesamtzusammenhang tat das keinen Abbruch.
Was allerdings nicht ganz klar wurde, war Sokolovs Vorgehen, die Moments musicaux D 780 ohne Unterbrechung an die Sonate anzuhängen, mit denen diese sechs Sätze nicht einmal tonartlich etwas zu tun haben. Das sah ein bisschen nach Fertig-werden-Wollen aus, zumal Sokolov auch hier noch mit seinem Schubert-Anschlag zauberte, aber die Wiederholungen, nie wirklich differenzierte.
Der größte Pianist der Gegenwart? Man sollte zur Kenntnis nehmen, dass in den letzten Jahren eine Generation von jungen Pianisten herangewachsen ist, die ihm diesen Ruf streitig machen können.