Schädelbasisbruch, beidseitige Rippen-Serienfraktur, Verletzung der Lunge, Knochenbrüche an den Beinen und Prellungen: Die Liste der Verletzungen des Mitarbeiters einer großen Tank- und Stahlbaufirma aus der Gemeinde Schondra war lang. Im August 2015 stürzte dort eine Zwischendecke ein, begrub den damals 49-jährigen Arbeiter unter sich. Nach einer aufwändigen Rettungsaktion wurde er schwer verletzt ins Krankenhaus geflogen, bis heute ist er arbeitsunfähig. Nun wurde der Fall juristisch aufgearbeitet: Ein Geschäftsführer und der Sicherheitsbeauftragte der Firma standen vor Gericht.


38 von 168 Schläuchen undicht

Ende der 1990er Jahre hatte die Firma eine Sandstrahl-Halle mit et wa zehn Metern Höhe und ei nem Grundriss von zehn mal 20 Metern umgebaut. Laut Staatsanwältin wurde damals eine Zwischendecke eingezogen, über der Leitungen für die Lüftungsanlage verlaufen, unter anderem 168 Schläuche, die wohl im Jahr 2011 zuletzt ausgetauscht wurden. 38 Schläuche waren durch die mechanische Einwirkung des Rüttelgatters löchrig. "Diese Schäden waren leicht erkennbar", heißt es in der Anklageschrift.
Durch die Löcher entwich nach und nach Strahlgut und lagerte sich auf der Zwischendecke ab: 300 Kilogramm pro laufenden Meter Leitung hätten die Ermittler auf dem intakten Teil der Decke gefunden. Insgesamt hätten sich über die Jahre "tonnenschwere Ablagerungen" gebildet. Die führten dazu, dass die Decke sich löste, kurz nachdem ein 49-Jähriger mit dem Abstrahlen eines Großtanks begonnen hatte.


Baumängel und Versäumnisse

Als eine Unfallursache nannte die Staatsanwältin zwar "vom Angeklagten nicht zu verantwortende Baumängel", allerdings komme eben auch die fehlende Wartung der Anlage hinzu. Bereits im Sommer hatte es deshalb drei Strafbefehle gegeben: Der Senior-Chef der Firma wird darin zu 40 Tagessätzen à 70 Euro verurteilt. Einspruch hatte er nicht oder zumindest zu spät eingelegt, der Strafbefehl ist also rechtskräftig.


Nicht für Produktion zuständig

Gegen den 52-Jährigen Mit-Geschäftsführer und gegen den 37-Jährigen Sicherheitsbeauftragten ergingen ebenfalls Strafbefehle, beide legten jedoch Widerspruch ein. Bereits nach Verlesen der Anklageschrift und der Vernehmung der Angeklagten lenkte die Richterin beim Geschäftsführer ein und stimmte in Absprache mit der Staatsanwältin einer Einstellung des Verfahrens zu. Der Angeklagte sei zwar Technischer Leiter, allerdings ausschließlich für Planung und Abnahme der Tanks verantwortlich. "Die Produktion selbst ist nach wie vor Sache des Senior-Chefs, der noch jeden Tag in der Firma ist", hatte der Verteidiger zuvor festgestellt. Es gebe intern eine eindeutige Absprache. "Hier sitzt der Falsche", argumentierte der Rechtsanwalt deshalb und verwies zudem darauf, dass der Vorfall der erste schwere Unfall in der mehr als 50-jährigen Firmengeschichte sei.
Der Sicherheitsbeauftragte muss sich dagegen den Vorwurf einer Mit-Schuld gefallen lassen: "Der Einsturz war voraussehbar und vermeidbar", betonte die Staatsanwältin. Es sei bekannt gewesen, dass sich Strahlgut auf der Zwischendecke sammelt. Ein Teil davon sei sogar regelmäßig über Öffnungen entfernt worden. Dabei hätte der 37-Jährige erkennen müssen, dass in nicht erreichbaren Zwischenräumen Reste bleiben und die Decke belasten.
Überrascht war die Richterin, dass der Mitarbeiter nie eine externe Schulung besucht hat. Sein Verteidiger stellte jedoch klar, dass er in regelmäßigem Austausch mit der Hersteller-Firma war. Zudem legte er Protokolle vor, die eine Wartung alle drei Monate und eine Kontrolle der Schläuche alle sechs Monate dokumentieren. "Die Schäden hat man von der Luke aus nicht gesehen", rechtfertigte sich der Angeklagte. Die 38 beschädigten Schläuche seien von anderen verdeckt gewesen.
Noch vor der Beweisaufnahme erklärte sich der 37-Jährige bereit, den Strafbefehl über 30 Tagessätze à 200 Euro doch noch zu akzeptieren. Deshalb wurden die beiden geladenen Sachverständigen, der geschädigte Arbeiter samt Russisch-Dolmetscherin sowie etliche weitere Zeugen ohne Aussage entlassen.