Bei ihrem zweiten Konzert knüpfte die Truppe der Chamber Music Society of Lincoln Center New York genau da an, wo sie bei ihrem ersten Konzert aufgehört hatte: ganz oben. Auch dieses Konzert war- das können die amerikaner einfach besser als wir Europäer - getragen von einer guten Mischung aus Ernst und Heiterkeit, aus Tiefgang und mitunter auch derbem Witz. Wieder hatte das Programm einen europäischen klassisch-romantischen Rahmen mit Ludwig van Beethoven und Antonin Dvorák und eine amerikanische Füllung mit George Tsontakis, Paul Schoenfield und Samuel Barber.
Wu Han (Klavier), Chad Hoops (Violine), Matthew Lipman (Viola) und David Finckel (Violoncello) eröffneten mit Beethovens Klavierquartett Es-dur op. 16 . Sie unternahmen gar nicht erst den Versuch, in diewser Musik Konfrontationen zu finden, die tatsächlich nicht drin stecken, sondern sie spielten auf einen lyrischen kammermusikalischen Zusammenklang, auf das gemeinsame Entwickeln der melodischen Linien, auf einen warmen, intimen Klang, der sich auch deshalb einstellen konnte, weil das Werk vom Virtuosen her keine unlösbaren Aufgaben stellt. Das Werk war ursprünglich als Klavierquintett mit Bläsern komponiert. Vielleicht lag es daran, dass die vier Musiker auch jetzt sehr schnell zu einem gleichen Atem fanden.

Musikalische Kontraste

Natürlich war der Kontrast zu dem am anderen Ende der emotionalen Skala und des Programms angesiedelten Klavierquartett op. 87 von Antonin Dvorák (ebenfalls in Es-dur und in derselben Besetzung). Da wurde, mit einer wunderbar ausgehorchten Klangbalance und nie überzogen in der Artikulation, der kreative Konflikt gesucht, da waren nervöse Spannung und Aggressivität ebenso zu spüren wie schwelgerische Kantilenen vor allem des Cellos. Und selten atmet der langsame Satz eine derart plastische wienerische Morbidität.
Der amerikanische Teil machte mal wieder schmerzhaft bewusst, wie auch in Deutschland die Musik heute sein könnte ohne die fatalen Kahlschläge des Dritten Reiches und der Darmstädter Schule. Tsontakis' "Knick Knacks" ("Nippes") für Violine und Viola etwa ist technisch ein unglaublich schweres Stück, weil da zum Teil in rasenden Tempi sich Melodien und Rhythmen jage, um irgendwann einmal zusammenzufinden und sich wieder zu verlieren. Aber wenn man es so spielt wie Arnaud Sussmann und Matthew Lipman, dann macht das Zuhören sehr schnell Spaß, weil man auf diese Punkte wartet.
In eine andere Welt führt Paul Schoenfields Trio für Klarinette, Violine und Klavier (mit José Franch-Ballester, Arnaud Sussman und Gloria Chien). Er bedient sich in seinen vier Sätzen bei der Klezmer-Musik und entwickelt mit einer Riesenphantasie für Klangfarben und melodische Variationen ein Risenspektrum der Emotionen in der (New Yorker) jüdischen Welt. Wer das spielen will, muss wirklich bereit sein, aus sich herauszugehen, muss klagen und attackieren, muss Härte und Mutlosigkeit und Witz gestalten können. Die drei konnten das in einem tollen Aufeinander-Eingehen - und Aufeinander-Losgehen.
Und dann Samuel Barber. Es war schön zu hören, dass er nicht nur das "Adagio für Streicher", die berühmteste Beerdigungsmusik der Welt, geschrieben hat. Sondern eben auch sechs "Souvenirs" für Klavier zu vier Händen, sechs wunderschöne, pfiffige Charakterstücke aus dem Leben in New York um 1900: "Waltz", "Hesitation-Tango", "Galop" oder "Scottish" hießen die Sätze. Wu Han und Gloria Chen spielten diese Musik, wie sie sein muss: ein bisschen großstädtisch-lärmig, immer mal abschweifend, wie das in der Erinnerung so ist, und mit einer gewissen Leichtigkeit des Seins.