War das jetzt noch Kabarettherbst oder schon Winterzauber? Wenn man sich das Publikum so anschaute, das man bei einem Mozartabend im Großen Saal erwarten würde, konnte man schon Zweifel bekommen. Denn die jüngeren Leute waren deutlich in der Überzahl, wie man es von den Gastspielen der Kabarettisten kennt. Aber es war nur logisch. Denn Aleksey Igudesman und Hyung-ki Joo sind zwar klassisch ausgebildet als Geiger und Pianist - und als solche auch mit großem Erfolg international unterwegs. Aber wenn sie gemeinsam auftreten, dann sitzt ihnen plötzlich der Schalk im Nacken, dann machen sie Music Comedy reinsten und spritzigsten Wassers.

Die Winterzauber-Veteranen erinnern sich vielleicht noch: Es dürfte etwa zwölf Jahre her sein, dass Alexey Igudesman, damals mit seinem Trio, das erste Mal in Bad Kissingen auftrat. Damals reichte der Weiße Saal vollkommen. Damals war er, auch schon geistreich, wohl noch am Beginn seiner komischen Karriere, noch ein bisschen akademisch auf die intellektuelle Pointe aus, was auch den Vorteil hatte, dass er den Abend im wesentlichen im Sitzen absolvieren konnte.

Jetzt, im überraschend gut besetzten Großen Saal, tauchte ein völlig neuer Alexey Igudesman auf: völlig entspannt, mit Lust am musikalischen und rhetorischen Klamauk, am Slapstick, an der wechselnden Verkleidung an den gnadenlos komischen Seiten der Musik und an ihrer Vermittlung.


Vergnügen an der Selbstironie

In Hyung-ki Joo, einem Engländer mit koreanischen Wurzeln - er hat auch noch den altenglischen Vornamen Richard - hat Igudesman einben kongenialen Pianisten gefunden. Auch er kommt von der lockeren Seite, kann sich jeden Spaß erlauben, weil auch er ein glänzender Techniker ist, auch er kann sich auf den Boden schmeißen, wenn's der Situation zuträglich ist, auch er hat keine Probleme damit, sich und sein Metier auf die Schippe zu nehmen - aber noch lieber natürlich seinen Partner.

Und sie gehen gleich in die Vollen, streiten sich, womit sie beginnen wollen: Igudesman will Mozart - der war ja schließlich auch angekündigt, Hyung-ki Joo will James Bond. Und am Ende des eskalierenden Streits kommt es, wie es kommen musste: Sie spielen beides, gleichzeitig. Da merkt man sofort, was für raffinierte Arrangements das sind, mit denen die beiden durch die Klassik und die klassische Moderne stolpern, immer, trotz aller Verfremdung, mit hohem Wiedererkennungswert und Raffinesse in der Konfrontation.

Die beiden haben ihre Bühnenauftritte zu Sketchen verdichtet und erweitert, durchkomponiert bis in die letzte Bewegung, auch wenn alles verhältnismäßig spontan wirkt. "Und jetzt Chopin!", ruft Hyung-ki Joo aus - vielleicht nicht unbedingt, weil er ihn so gerne spielt, sondern weil er genau weiß, dass sein Partner gerade auf Chopin allergisch ist. Und der steht da und hält mit einem traurigen Lied aus seiner russischen Heimat dagegen und versucht gleichtzeitig, mit geftigem Kratzen - nicht auf der Geige - seinene allergischen Juckreiz zu besiegen.


Grimmiger Cop der Music Police

Aber er zahlt es ihm heim: Als amerikanischer Cop der Music Police stürmt er die Bühne und beschuldigt Hyung-ki Joo, den Chopin mit deutlich überhöhter Geschwindigkeit gespielt zu haben. Und er zwingt ihn, Buße zu tun, lässt ihn abseitige Tonleitern und Akkorde spielen und verlangt von ihm, im Stil anderer Komponisten zu spielen. Höchst raffiniert, was da auf kleinstem Raum stilistisch erkennbar zusammenkommt. Aber auch wunderbar ironisch, als Hyung-ki Joo Philip Glass, John Adams, Steve Reich kopiert. Da klingt alles gleich. Nur bei Mikael Nyman rutscht die Harmionie einen Halbton tiefer. Begeisternd, auch dass an dieser Stelle das Kissinger Publikum gelacht hat.


Keine Fantasie ausgelassen

Es ist unglaublich viel zusammengekommen an Witz und Phantasie, etwa bei dem amerikanischen Märchen von dem Mann, der die Liebe sucht, erzählt aus den Augen einer Stubenfliege - dankbares Futter für die kratzende Geige, da gibt es Parodien von Louis Armstrong oder der Rhapsodie in Blue. Da wird das Publikum zu einer Runde "Violarobics" einer Gymnastik für Konzertbesucher, eingeladen und macht begeistert mit. Da bedient sich Igudesman, der vergessen hat, was er euigentlich spielen wollte, eines Musik-Navis, dessen standardisierte Ansagen plötzlich so gut zur Musik passen. Da erzählt Hyung-ki Joo in einem Selbstgespräch, was ihm bei einem Schubert-Impromptu so durch den Kopf geht: alles außer Musik.

Mozart war schon längst in die Kantine geflüchtet. Erst ganz zum Schluss tauchte er noch einmal auf: "Mozart was a poor man", meinte Alexey Igudesman, "but look at me." Er hat unser ganzes Mitgefühl. Sagen wir mal so: An diesem Abend wurde sicher niemand für klassische Musik gewonnen, der es noch nicht ist. Aber es hat großen Spaß gemacht.