Sie machen sich Sorgen, große Sorgen. Darüber, wie es mit ihrem Ort weitergehen soll. Sie, das ist eine Interessengemeinschaft (IG), zu der sich zehn Stralsbacher zusammengeschlossen haben. Grund sind die jüngsten Pläne aus dem Burkardrother Rathaus.
Die Gemeinde möchte in der Stralsbacher Flur an der Poppenrother Höhe ein rund 20 Hektar großes Industriegebiet errichten (wir berichteten). Noch bis zum Monatsende liegt der Entwurf für den Bebauungsplan öffentlich aus.


Alle Generationen da

So lange können auch die Bürger ihre Einwände vorbringen. Eine Chance, die die Stralsbacher und ihre IG nutzen möchten. Denn sie befürchten nicht nur enorme Beeinträchtigungen für die Lebensqualität in dem 533-Seelen-Dorf, sondern fühlen sich auch von Bürgermeister Waldemar Bug (ödp) und der Verwaltung nicht ausreichend informiert.
"Wir dürfen nicht zulassen, dass das, was unseren Ort ausmacht, in Gefahr gerät", sagte Veranstaltungsleiter Berthold Kröckel von der Interessengemeinschaft. Er und seine Mitstreiter hatten in der Alten Schuel eine Informationsveranstaltung organisiert. Mehr als 150 Stralsbacher, quer durch alle Generationen, waren prompt gekommen.
Weder der Bürgermeister noch Mitarbeiter der Verwaltung waren geladen. Die Stralsbacher haben das erst mal unter sich besprechen wollen, quasi hinter verschlossenen Türen, so wie das auch im Rathaus gängige Praxis sei, hieß es.
Viele von den Besuchern zeigten sich von den Informationen überrascht und erschüttert zugleich. "Was sind denn dann unsere Häuser und Grundstücke noch wert, wenn das Industriegebiet kommt?", fragte Anwohner Albert Röder in der Diskussionsrunde. Die Stralsbacherin Ingrid Metz stellte fest: "Wir haben einen Bürgermeister von der ödp, der Ökologisch-Demokratischen Partei. Aber ökologisch ist da nichts." Dorothea Kretschmer ergänzte, sie habe den Begriff "Ökologisches Industriegebiet" im Internet recherchiert und außer einem Verweis auf die aktuellen Pläne in Burkardroth nichts gefunden.
Schließlich meldete sich auch die Neu-Stralsbacherin Anna Lukas zu Wort und schilderte ihre Erfahrungen, neben einem Industriegebiet zu wohnen. Sie habe bisher in Schlimpfhof gelebt, nur 800 Meter neben einem Baubetrieb. Der Lärm sei so enorm gewesen, dass sie schließlich eine neue Bleibe suchen musste "Hier in Stralsbach ist es wunderschön. Das darf nicht kaputt gemacht werden", sagte sie.
Keiner sprach sich an diesem Abend für das Industriegebiet aus. Zu schwer wogen die Argumente gegen die Pläne. Die hatten die Mitglieder der IG recherchiert und zu Beginn der Versammlung ausführlich vorgestellt. Deshalb schlossen sich auch viele Stralsbacher ihrer Argumentation an.


Ins Rathaus gehen

"Wir verfolgen keine politischen Ziele. Wir wollen lediglich ein Gewerbegebiet", sagte Gerhard Kauf von der IG und stellte die weitere Vorgehensweise vor.
Die Stralsbacher werden nun bis zum Ende der Frist von ihrem Recht Gebrauch machen und entsprechende Eingaben einreichen. Parallel dazu werden sie persönlich im Rathaus vorsprechen und auch die Gemeinderäte über ihre Befürchtungen informieren. Damit wollen sie erreichen, dass die seit 20 Jahren bestehenden Pläne überdacht und "modernisiert" werden. "Schließlich hat sich das Bewusstsein verändert", so Wolfgang Kretschmer.
Unterstützung bekommen er und seine Mitstreiter von der Interessengemeinschaft vom Stralsbacher Gemeinderat und Ortssprecher Bernd Müller. Er sprach den Aktivisten am Sonntagabend seinen Dank für ihre sachliche Argumentation und gewissenhafte Recherche aus. "Ich befürworte das auch: Entweder ein Gewerbegebiet oder nichts", so Müller.


Die Fakten

Zu Beginn der Informationsveranstaltung der Stralsbacher Interessengemeinschaft hatte Waldemar Straub, selbst Bauplaner, die Fakten zum Industriegebiet und dem aktuellen Planungsentwurf erläutert. Demnach sei die Fläche 1995 in den Plänen des Flurbereinigungsverfahrens noch als Gewerbegebiet eingetragen gewesen. Ein Jahr später jedoch sei das in der Beschlussfassung zum Flächennutzungsplan in ein Industriegebiet geändert worden. Weshalb, konnte er nicht herausfinden. "Ziel und Zweck ist nun ein wirtschaftliches Zentrum mit Hallen bis zu 20 000 Quadratmeter Größe", sagte er.
Kritik äußerte Straub auch an den aktuellen Plänen. Die Aufteilung des Gebietes lasse die Schlussfolgerung zu, dass es bereits konkrete Anfragen gibt. "Kein Planungsbüro saugt sich sowas aus den Fingern", ergänzte Martin Pausewang, der sich ebenfalls in der Interessengemeinschaft engagiert.
Nicht nachvollziehen konnte Straub außerdem, weshalb kaum Immissionswerte hinsichtlich Lärm, Geruch, Licht oder Feinstaub in den aktuellen Bauplänen hinterlegt sind. Deshalb vermutet er, dass Tatsachen geschaffen werden sollen, gegen die die Bürger nach Beschluss des Planes keine rechtlichen Mittel mehr haben. Doch es gibt noch mehr kritische Punkte.


"Augenwischerei"

So befürchten die Stralsbacher, dass von dem künftigen Industriegebiet eine enorme Lärmbelästigung ausgeht. Nicht nur, weil das Industriegebiet lediglich 390 Meter von der Wohnbebauung entfernt liegt. Sondern auch, weil in einem solchen 365 Tage im Jahr rund um die Uhr gearbeitet werden und der Geräuschpegel durchschnittlich 70 Dezibel betragen darf, temporär sogar maximal 30 Dezibel mehr. "Die geplanten Abschirmungen mit Bäumen und die geplante Randbebauung bringen gar nichts. Das ist nur Augenwischerei", sagte Straub.


Kanal schon jetzt überlastet

Als nächstes Problem sehen die Stralsbacher die geplante Entwässerung des Industriegebietes. Das Schmutzwasser soll durch den Kanal im Ort abgeleitet werden, der aber bereits jetzt schon bei starkem Regen überlastet ist und die Wassermassen nicht halten kann. Regelmäßig werden Kanaldeckel herausgedrückt und Straßen überschwemmt (wir berichteten).
"Wir verlangen vom Gemeinderat eine Lösung, die zusätzliches Abwasser aus unserem Kanal heraushält", sagte Wolfgang Kretschmer, der ebenfalls der IG angehört. "Wir schlagen vor, dass eine rund 1,8 Kilometer lange Umleitung gebaut wird, die oberhalb vom Sportplatz über die Gemeindewege zur Schaf- und Kesselmühle führt", fügte er hinzu.
Bezüglich des Oberflächenwassers, das in separaten Regenmulden aufgefangen und der Natur zugeführt werden soll, spricht sich die IG ebenfalls für eine Ableitung Richtung Sportplatz in den Knöllbach aus. Denn ein Ablauf zu einem Regenrückhaltebecken Richtung Oberdorf würde die Hochwassergefahr entlang des Stralsbachs im Bereich Silberdistelweg hinunter bis zur Straße am Bauholz noch verstärken. "Da wir dort bereits ein Hochwassergebiet HQ 50 haben", ergänzte Bauplaner Waldemar Straub. Seines Erachtens dürfen auch die bereits bekannten geologischen Verwerfungen und Quellaustritte bei den weiteren Planungen nicht unberücksichtigt bleiben.
Kritisch sehen die Stralsbacher außerdem die Anbindung des Industriegebietes an die Kreisstraße 15. Sie ist die Verbindung von der Bundesstraße 286 in den Ort. "Der Anschluss an das Industriegebiet lässt langfristig eine Erweiterung Richtung Norden zu. Das wäre für uns der Supergau", erklärte Straub.

Mitglieder Wolfgang Kretschmer, Gerhard Kauf, Siegfried Schmitt, Waldemar Straub, Martin Pausewang, Jochen Auer, Käthe Manger, Berthold Kröckel, Steffen Grom und Erwin Grom.