Es ist 60 Jahre her, dass 46 junge Frauen die Abschlussklasse der Schule der englischen Fräulein in Bad Kissingen beendet haben. Jetzt haben sie sich wieder getroffen, um dieses Jubiläum zu feiern. Gesehen haben sich die Frauen schon einige Male, nach 25 und 50 Jahren und bei sieben weiteren Treffen. "Aber 60 ist doch schon was Besonderes", ist Brigitte Egger stolz. 17 der damals 46 Schülerinnnen der Schule der Englischen Fräulein hatten sich zu dem diesjährigen Treffen gemeldet. Die Frauen reisten aus ganz Deutschland, Österreich und sogar aus Amerika für ihr Abschlussjubiläum an.


Keine leichte Adressensuche

"Sehr schwer war's beim 25-jährigen Jubiläum", bemerkt Egger über die Organisation ihrer Treffen. Zu zweit haben Gudrun Heidig und eine Freundin die Namen und Adressen ihrer Mitschülerinnen ermittelt. Trotz vieler Schwierigkeiten betont Heidig vor allem die schönen Erlebnisse und Zufälle bei der Recherche. "Und dann hab ich auch die Erfahrung noch gemacht, dass diejenigen, die ziemlich weit weg sind, sehr großen Wert auf das Schülertreffen legen", bemerkt Heidig. Zusammen haben sie im Casinorestaurant und im Bayerischen Hof - wie bei den vorherigen Treffen - in Erinnerungen geschwelgt und ihre neuen, alten Kontakte gepflegt. Nach dem Gottesdienst am Sonntag verabschiedeten sich alle wieder.


Durch die Schulzeit verbunden

Vor allem auf die Freundschaft ihres "Viererkleeblatts" sind Egger und Heidig sehr stolz, da der Kontakt zwischen den vier Frauen nie abgebrochen ist und trotz großer Entfernung immer sehr eng war. Die zwölf Internatsschülerinnen, fünf Stadtschülerinnen aus Bad Kissingen und die Busschülerinnen aus Münnerstadt und Umgebung, hatten untereinander jedoch wenig Kontakt. "Auch im Laufe der Jahre haben sich Freudschaften entwickelt, die früher gar nicht bestanden hatten", freut sich Egger deshalb besonders.


Eine kaufmännische Ausbildung

Egger besuchte die Oberschule der englischen Fräulein ab der 7. Klasse und lebte mit elf weiteren Mädchen ihrer Jahrgangsstufe im Internat. Gudrun Heidig kam in der 1. Klasse der Mittelschule, also in der 8. Klasse, zu den englischen Fräulein. Sie war eine der vielen Busschülerinnen aus Münnerstadt und Umgebung. Nach der 10. Klasse hatten alle die Mittlere Reife erlangt. Die jungen Frauen wurden vor allem in kaufmännischen und hauswirtschaftlichen Fächern ausgebildet und auf die Arbeit im Büro vorbereitet. Viele machten danach weitere kaufmännische Lehren. "Buchführung hat mir immer Spaß gemacht", erzählt Heidig.


Strenge, religiöse Erziehung

"Die Freizeit war sehr eingeschränkt: Eine Stunde spazieren gehen in Zweierreihen", erzählt die ehemalige Internatsschülerin Brigitte Egger. So entstand auch der Spitzname "die englischen Gäns'" für die jungen Frauen, die auf viele Kissinger sehr streng erzogen gewirkt haben müssen. Nach der Schule gab es eine Lernzeit, und am Abend war eine Art "gemütliche Stunde", in der sich die Mädchen unterhalten konnten.

Trotz der guten Erinnerungen an die gemeinsamen Ausgehstunden und Unternehmungen der Internatsschülerinnen fasst Egger die Erziehung als sehr streng und religiös zusammen. Der wöchentliche Gottesdienst war Pflicht, lange Hosen zu tragen verpönt, und auch mit Strafen zögerten die Schulschwestern nicht.

Trotzdem betonen beide Frauen den Wert der guten Sittenerziehung und Allgemeinbildung. "Obwohl das manche nicht sagen, waren für mich diese vier Jahre meine schönste Schulzeit", fasst Egger die Zeit in der Schule der englischen Fräulein zusammen.

1972 wurde die Schule geschlossen und die Mädchen wurden mit den Jungen in der Realschule unterrichtet. Heute ist das Schulgebäude in der Hartmannstraße im Besitz der Caritas und teilweise abgerissen oder generalsaniert.