Der Tag, der alles veränderte, begann für die achtjährige Elisabeth wie immer. Schule, ab nach Hause, zeitiges Abendessen und dann mit Mama in den Luftschutzbunker. Der 16. März 1945 war ein Freitag. Der Frühling war in Sicht, den dicken Wintermantel hatte sie schon nicht mehr gebraucht. 70 Jahre später kann sie sich nicht mehr an jedes Datum erinnern, aber wenn sie an einen Satz denkt, den ihre Mutter damals sagte, schießen ihr noch heute Tränen in die Augen.
Elisabeth Schauberger will ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen. Heute sitzt sie an dem ovalen Tisch in ihrem Esszimmer. Vor ihr liegen Zeitungsausschnitte, Kopien, ein Buch - Berichte, die protokollieren, was sie erlebt hat. An einem Datum, das sich für den Rest ihres Lebens in ihr Hirn gebrannt hat. Das Feuer kam in der Nacht.


Als die Bomben fielen

Es war die gleiche Bomberflotte, die einen Monat zuvor den Tod nach Dresden brachte. "Wir haben gehört, wie es aufs Dach bollert", sagt Elisabeth Schauberger. Einmal, zweimal, dreimal ... mitgezählt hat sie nicht. Mit zwei Dutzend anderen wartete sie in einem abgetrennten Bunker im Keller eines Gerichtsgebäudes. Die Erwachsenen hatten damit gerechnet, dass etwas kommt, sagt sie heute.
Elisabeth hatte ihre Mal-Sachen dabei, die Mutter die Notfalltasche. Papiere, Geld, Schmuck, Unterwäsche. Dass ihnen nach dem 16. März 1945 nicht einmal das blieb, ahnten sie damals nicht.
Elisabeth Schauberger hat ihre Augen dunkel geschminkt. An ihrer Kette baumelt ein goldener Anhänger. Seit sie ihren Ehemann kennengelernt hatte, wohnte sie in Würzburg und Bad Kissingen. Die Arbeit an der Universität machte ihr Spaß. Erst als sie in Rente ging, gab die Würzburgerin ihre Wohnung auf. Wenn sie heute durch ihre Heimatstadt läuft, denkt sie noch manchmal an die Häuserskelette und Schuttberge, die das große Feuer hinterließ. Fast die komplette Altstadt wurde bei dem Bombenangriff zerstört. 5000 Menschen wurden getötet.


Feuer in der Freiheit

"Wir müssen verbrennen", sagte ihre Mutter, erzählt Elisabeth Schauberger. Ihre ruhige Stimme wird an diesem Vormittag noch ruhiger. Die schmächtige Frau hält ihre Tränen zurück. Als die Männer in der Nacht die schwere Eisentür aufrissen, war da eine Feuerwand. Gefangen im Bunker. Da! Eine Luke an der Decke! Zuerst die Frauen und Kinder. Aber Elisabeth: "Ich wollte nicht raus."
Überall Feuer. Das Gras, die Bäume, die Sträucher - alles hat gebrannt, erzählt sie. Die Öffnung führte in einen Park. Ihre Mutter schubst sie nach draußen und kommt ihr nach. In der Zeit klaut jemand die Notfalltasche. Plötzlich hatten sie nur noch das, was sie am Morgen angezogen hatten. Ihre Wohnung lag 20 Minuten vom Schutzbunker entfernt. Fenster hatten sie schon länger nicht mehr. Die Druckwellen der Bomben hatten sie zweimal herausgerissen. Der Wind pfiff durch die Ritzen der Pappdeckel. Der 16. März nahm sich selbst die.
Das Haus brannte nicht gleich. Ihre Mutter schnappte sich zwei Federbetten aus der Wohnung, eine Nachbarin konnte ein paar Dinge aus dem Keller retten. Elisabeth Schauberger marschierte mit ihrer Mutter nach Randersacker in die Turnhalle. Dort sollten sie warten. Sie bekamen ein Zimmer bei Wirtsleuten angeboten.
Nach ein paar Tagen dort, erinnert sie sich, fanden sie Unterschlupf auf einem Bauernhof. "Wir waren immer auf jemanden angewiesen." Ihr Vater starb fünf Jahre zuvor bei einem Überfall. Mutter und Tochter hatten nach dem Angriff und dem großen Feuer kein Geld mehr. Schließlich kamen sie bei einer Försterfamilie unter. Und dann lernte Elisabeth Schauberger plötzlich ganz schnell Englisch.


Kindheit im Krieg

"Have you chocolate? Have you chewing gum?", sagt sie und lacht. Es dauerte nicht sehr lange, bis die Kinder keine Angst mehr vor den dunkelhäutigen Amerikanern hatten.
Wenn Elisabeth Schauberger heute die Flüchtlinge der Kriegsgebiete sieht, denkt sie oft daran, wie ihre Mutter als eine der Trümmerfrauen geholfen hat, die Straßen in Würzburg freizuschippen.
Elisabeth Schauberger hat kein Problem, über den Krieg zu sprechen. Er gehört zu ihrer Kindheit: "Viele Eltern haben ihren Kindern viel zu wenig erzählt. Man sollte darüber reden."