Thomas Brand hat aufgehört zu atmen. Vierundzwanzig, fünfundzwanzig - zehn Sekunden Stille. Der Blutdruck schnellt hoch. Der Puls rennt. In seinem Blut ist jetzt weniger Sauerstoff und mehr von einem Hormon, das seinen Körper stresst. Der Brustkorb hebt sich und versucht, die Atmung in Gang zu halten. Doch sein Rachen hat dicht gemacht. Ein tiefer Luftzug durchbricht die Ruhe. Der 51-Jährige aus Ebenhausen pumpt seine Lungen voller Sauerstoff. Geschafft. Doch die Nacht hat erst angefangen und der nächste Aussetzer kommt bestimmt.
Thomas Brand ist Schlafapnoiker. Sobald er in seinem Bett liegt und einschläft, kommen die Atemaussetzer. Mehrmals in der Stunde erschlafft die Muskulatur in seinem Rachen. Dann geht für ein paar Sekunden nichts mehr. Vor sechs Jahren bekam er die Diagnose. Heute hat er sich mit der Krankheit arrangiert. Doch das war nicht immer so.

Matthias Holzheimer* (Name von der Redaktion geändert) kennt die Probleme, die mit der Krankheit kommen. Der 46-Jährige will nicht erkannt werden. Abgesehen von seiner Familie weiß niemand von der Schlafapnoe, die seinen Alltag bestimmt. "Ich bin schnell erschöpft und unkonzentriert und tagsüber oft müde", sagt er. Hätte er die Zeit, könne er ohne Weiteres zwölf bis 14 Stunden schlafen. Doch auch danach sei er nicht erholt. Der Elektroniker geht jeden Abend um 20 Uhr ins Bett. Während im Sommer die Nachbarn noch grillen, lässt er den Rollladen herunter. Am Feierabend mit Freunden unterwegs sein, Fußballspiele ansehen, Konzerte besuchen: undenkbar. Seine Hobbys, die Jagd und die Musik: gedrosselt. Immer wieder entstehen Missverständnisse, wenn er Bekannten absagen muss, damit er lange genug schlafen kann.

Verkabelt beim Schlafen gefilmt

Heute Nacht soll ein Mikrophon sein Schnarchen aufzeichnen. Bunte Kabel registrieren Gehirnströme, Augenbewegungen und die Muskeln am Kinn. Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Atemfluss und die Körperlage sind unter ständiger Beobachtung und werden dokumentiert. Eine Kamera filmt Matthias Holzheimer während er schläft. Für viele ein komisches Gefühl, sagt Dr. Willibald Beck. Er ist Oberarzt am Thoraxzentrum in Münnerstadt und weiß, ab wann ein Schnarcher gefährlich lebt.

Es sind meist Männer, die mit der Diagnose Schlafapnoe nach Hause gehen. Vier Prozent der deutschen Männer zwischen 30 und 60 Jahren seien betroffen. Bei den Frauen etwa halb so viele. Zur Gefahrengruppe gehören Menschen mit Übergewicht, Herzproblemen oder einer Zuckerkrankheit. Wird die Apnoe nicht behandelt, riskieren die Patienten einen Schlaganfall, Depressionen und Potenzstörungen.

Das Schlaflabor auf dem Michelsberg in Münnerstadt ist gut ausgelastet. Zu Dr. Willibald Beck und seinem Team kommen Patienten von Fulda bis Kitzingen und von Aschaffenburg bis Hildburghausen.

Vor ein paar Jahren fiel die Störung bei Matthias Holzheimer während einer Reha auf. "Ich war überrascht, als man mir sagte, dass ich alle zwei bis drei Minuten aufhöre zu atmen." Zuvor sei ihm nur aufgefallen, dass er immer mehr Schlaf brauche. Der 46-Jährige hat sich einen Sport-BH um den Rücken geschnürt, gefüllt mit Massagebällen, damit er auf der Seite schläft. Genutzt hat das nicht viel. Er hofft, dass das Ärzteteam des Thoraxzentrum ihm nun helfen kann. "Ich will endlich wieder fitter sein im Alltag."

Thomas Brand stülpt eine Maske über Nase und Mund. Ein grauer Schlauch führt zu einem brummenden Kasten. Mit acht Hektopascal erzeugt das Gerät einen Überdruck und dehnt den Rachen auf. Freie Bahn zum Atmen. Eine Heilung ist es nicht, aber eine Hilfe während bisher 12 614 Stunden Schlaf mit dem Apparat. Der 51-Jährige leitet die Selbsthilfegruppe Schlafapnoe-Atemstillstand. "Nicht jeder Schnarcher ist Schlafapnoiker." Trotzdem rät er jedem der schnarcht, sich untersuchen zu lassen: "Zumindest, um es auszuschließen."


Treffen Hilfe zur Selbsthilfe erhalten Betroffene bei der Gruppe Schlafapnoe-Atemstillstand. Die Treffen finden alle zwei Monate in Schweinfurt statt. Bei Fragen hilft der Leiter Thomas Brand weiter unter der Telefonnummer 09725/704332 oder 0174/1686646 und per Email shg-schweinfurt@t-online.de.