Schwester Hannelore hat 31 Minuten. Kurz nach acht soll Walter Hartmann abgeholt werden. Dann geht es "zur Arbeit". So nennt seine Frau die Zeit, die er in der Tagespflege beim Roten Kreuz verbringt. Zähne putzen, ausziehen, waschen, cremen, Windel wechseln, anziehen. Aus dem Radio plärrt Gute-Laune-Musik. Walter Hartmann brummt, als ihn die Schwester in seinem Krankenbett auf die Seite dreht. Vor zehn Jahren hat er angefangen zu vergessen. Zuerst Dinge wie den Haustürschlüssel und den Geldbeutel, dann seine Ehefrau. "Ich weiß nicht, ob er mich jetzt überhaupt noch kennt", sagt Helga Hartmann. Am Wochenende ist er daheim, Montag bis Freitag von 8 bis 16 Uhr in der Tagespflege. Ihn zu Hause pflegen, jeden Tag? Das würde sie nicht schaffen, sagt sie.

"Es tut weh, wenn man an Orten ist, wo man vorher mal zusammen war", sagt die 77-Jährige. Wandern, Fahrrad fahren, das Paar war früher viel unterwegs. Mittlerweile hat Walter Hartmann einen guten Tag, wenn er seine Beine für einen kurzen Moment durchstrecken kann. Laufen oder stehen: unmöglich.


Diagnose: Demenz

Vor 57 Jahren hat sie ihren Walter geheiratet, erzählt sie mit norddeutschem Akzent. Die beiden hatten sich kennengelernt als er mit der Marine für drei Jahre an der Küste stationiert war, wo Helga Hartmann herkommt. Später arbeitete er wieder als Elektriker. Ihr "Telekomiker" hatte Humor, erzählt sie. Heute bekommt er ab und zu ein paar einzelne Worte heraus. Helga Hartmann versteht ihren Mann trotzdem.

"Wenn es ihm gut geht, strahlt er von innen heraus. Ich sehe an seinem Blick, wie es ihm geht." Der 79-Jährige ist sensibler als früher, erzählt sie. Als die Demenz kam, gingen die Wörter: Walter Hartmann drückt sich mit Mimik und Körpersprache aus.

"Man muss mit ihm reden", sagt Hannelore Schulze. Die Pflegerin kommt seit Jahren in die Kissinger Stadtwohnung im zweiten Stock. Sie ist eine von 20 Schwestern und Pflegern des BRK Bad Kissingen, die in weißen Kleinwagen durch den Landkreis touren. Im Gepäck eine kleine rote Tasche mit Blutdruckmessgerät und Co. und eine Liste mit Klienten. Im Zwei-Schicht-Betrieb kümmern sie sich jeden Tag um bis zu 120 Pflegebedürftige in und um Bad Kissingen. Haare kämmen, Zähne putzen, Wunden versorgen, Intimpflege: Wie lange Schwester Hannelore und ihre Kollegen brauchen dürfen, diktiert die Krankenkasse.


Keine Zeit für Gespräche

"Das ist eine bodenlose Frechheit gegenüber den Kranken", sagt Monika Geis vom Bayerischen Roten Kreuz (BRK) Bad Kissingen. Heute hilft sie Angehörigen durch den Pflegegeld-Dschungel, vorher hat sie 35 Jahre lang kranke Menschen gepflegt. Zwei Bandscheibenvorfälle zwangen die 56-Jährige dazu, sich zu drosseln. Wenn sie über die Abrechnung im Minutentakt spricht, verschwindet ihr Lächeln, das ansonsten feine Grübchen in ihre Wangen drückt: "Die Zeitvorgaben sind der Horror. Das ist unmenschlich."

Hat einer ihrer Kunden mal einen schlechten Tag und kann nicht wie er will, dauert es länger. Doch schlechte Tage sind kein Faktor in der Rechnung der Krankenkassen. "Auf diesen Kosten bleiben wir sitzen."

Die Pflegekräfte versuchen so zu arbeiten, dass der Zeitdruck nicht spürbar wird, meint Monika Geis. Zwischenmenschliches? Zwischendurch. Manchmal. "Man hat noch nicht einmal Zeit zum Reden", sagt sie.


Selbstständig - mit Hilfsmitteln

"Ein kleines Gespräch gehört auch zur Genesung", sagt ein Senior aus Bad Bocklet, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Heute ist er um 9 Uhr dran. Wenn´s geht, pünktlich, hat er am Telefon gesagt. Er hat am Vormittag noch einen Termin zum Blut abnehmen. Seit zwei Jahren kommt jeden Morgen eine Pflegerin zu ihm nach Hause, um seine Unterschenkel in enge Kompressionsstrümpfe zu zwängen. "Ich habe es nicht so gern, wenn eine Frau vor mir knien muss", sagt er und lacht. Bis vor ein paar Jahren hat der 88-Jährige seine demente Ehefrau daheim gepflegt. Keine leichte Zeit.

Seine offenen Beine sind gut verheilt. Die Schuhe schnürt er sich selbst wieder zu. Darauf besteht er. Mit der Badehilfe und dem erhöhten Toilettensitz kommt er gut zurecht. Ein Rollator für die Wohnung, ein zweites ausrangiertes Modell für den Garten hinter dem Haus und sein "Elektromobil" - der 88-Jährige hat lange in der Automobilbranche gearbeitet, sich nicht fortbewegen zu können, das mag er sich nicht vorstellen. Er kocht für sich und bäckt Hefekuchen mit Quark und Äpfeln aus dem Garten. Wenn er mal nicht einschlafen kann, rechnet er das Einmaleins bis 1000. Nur das mit den engen Socken klappt nicht allein. Für den Notfall hat er ein Armband am linken Handgelenk, das per Funk ein Signal sendet, wenn er auf den großen grauen Knopf drückt. So ein Gerät empfiehlt Monika Geis auch der 90-jährigen Ingrid Klingsporn, die ein paar Straßen weiter wohnt. Angehörige hat sie nicht.

Auf dem Kalender am Bücherregal ist es noch April. Den Sonnenstrahlen, die sich an diesem Novembermorgen durch den Nebel kämpfen, würde man das abnehmen. Die Pendeluhr aus Holz ist bei kurz vor sieben stehen geblieben. Früher kam der Pfleger schon um acht, erzählt Ingrid Klingsporn. Dann dachte sie sich: "Für was stehe ich überhaupt so bald auf?" und bestellte die An- und Ausziehhilfe auf den Vormittag. Sie öffnet in einem weißen Bademantel die Wohnungstür. Ein Fußbad steht heute an. Die Rollläden hat sie gestern gar nicht erst heruntergelassen. Wieder hochziehen könnte sie sie ohnehin nicht allein. Seit dem Sturz vor zwei Jahren ist Ingrid Klingsporn auf Hilfe angewiesen. Sehen, bücken, stehen - vieles fällt ihr schwer. Wenn sie kocht, dann gleich für zwei Tage. Bevor ihr Mann starb, kam dreimal am Tag ein Pfleger in die Wohnung und kümmerte sich um ihn. "Wir haben nie darüber nachgedacht, dass wir ein Pflegefall werden könnten", sagt die 90-Jährige.
In den Regalen stapeln sich Chroniken, Magazine, Lexika. Holzfiguren füllen die wenigen Lücken. Äffchen, eine Antilope, Masken, Metallschalen an den Wänden. Früher haben sie und ihr Mann nie länger als drei Jahre an einem Ort gelebt. Sie war Fremdsprachenkorrespondentin, er arbeitete in der Lederbranche. "Südafrika", sagt sie, "da war es am schönsten." Zur Rente, vor 28 Jahren, sind die beiden hier hängengeblieben. Wieso, weiß sie selbst nicht mehr so genau, sagt sie. Das Ehepaar hatte mal über betreutes Wohnen nachgedacht. "Ich bin froh, dass wir es nicht gemacht haben. Es ist gut so." Eine Nachbarin kauft für sie ein, eine Haushaltshilfe putzt die Wohnung, die Pfleger vom Roten Kreuz kümmern sich um sie. Nur eines stört sie. "Man kommt hier nicht weg." Sie tröstet sich und schiebt hinterher: "Ich finde eh kaum jemanden mit dem man über ein gutes Buch sprechen kann. Da bleibe ich lieber zuhause und lese."


Abstand und Abschalten

Helga Hartmann ist froh, dass sie heute nicht zuhause bleiben muss. Am Vormittag will sie mit ihrer Freundin einen Ausflug nach Würzburg machen, während ihr Mann in der Tagespflege ist. "Ich brauche Zeit für mich", sagt die 77-Jährige, "Zeit zum Abschalten."

8.08 Uhr. Dieter vom Krankentransport klingelt. Ärmel links, Ärmel rechts, Jacke über den Kopf, rote Bommelmütze und ab. Heute hatte Walter Hartmann einen guten Tag, sagt Schwester Hannelore. "Er hat alles gut mitgemacht." Die 31 Minuten für seine Pflege kann sie nur einhalten, weil ihr seine Ehefrau hilft. Das anstrengendste ist das Rausheben, sagt sie.

Wenn Walter Hartmann am Nachmittag von der Tagespflege wieder nach Hause gebracht wird, wird ihn seine Frau fragen: "Na, hast du heute was geschafft auf der Arbeit?" Dann wird Helga Hartmann einen Tee aufgießen. "Tea-Time", sagt sie, ein Ritual, das die beiden zelebrieren seit sie verheiratet sind. Ob er sich daran erinnert, weiß sie nicht.