Es ist dieser Geruch. Wenn sich der Dampf des Leims in die Nase beißt. Scharf und fast ein bisschen süß. Wie das Leder duftet. Herb, nach Natur und Freiheit. "Das ist meins", sagt Christine Schmittfull. Sie ist Schuhmacherin. Heute eröffnet sie ihren Laden in Oerlenbach. Über 50 Jahre hat ihr Vater den Betrieb geführt. Er war ihr Vorbild und Lehrmeister. Vor ein paar Jahren zwang ihn die Gesundheit dazu, sein Handwerk und das Geschäft aufzugeben. Nun wird seine Tochter, Christine Schmittfull, die Tradition fortführen - nur ein wenig bunter.
"Christine´s Schuhwerk" ist mit einem roten Faden auf den grauen Schürz gestickt, den sie sich um die schmale Taille geknotet hat. Sie wollte die Werkstatt ihres Vaters schon immer übernehmen. Der Gedanke war nur über eine lange Zeit aus ihrem Kopf verschwunden, erzählt sie.


Eine Frau, die zupackt

Zwischen der Werkbank ihres Vaters und der Nähmaschine ihrer Mutter hat Christine Schmittfull ihre Kindheit verbracht. Dass sie einmal ihr Geld mit dem Schuster-Handwerk verdient, wollten ihre Eltern eigentlich nicht. Besser ein Büro-Job wie die Schwester. Doch sie setzte ihren Kopf durch. Und das aus gutem Grund, meint sie.
Zwischen den Werkzeugen glänzt ein Teil besonders. Der Schusterhammer ihres Opas war schon bei einigen hundert Reparaturen unverzichtbar. Zwei Generationen später liegt er auch noch auf ihrer Werkbank. "Ich habe das Handwerk vermutlich in den Genen", sagt Christine Schmittfull und lächelt. 1980 bestand sie ihre Schuhmacher-Lehre als zweitbeste in ganz Deutschland.

Christine Schmittfull hat sogar ihre kurzen, blonden Locken unter Kontrolle. In der Werkstatt hat alles seinen Platz. Der Lidstrich sitzt, das Outfit sowieso. An den Fingern ein, zwei Schnitte, Hornhaut, kurze Nägel - Christine Schmittfull packt gerne an. Mitte Mai hat sie angefangen, den Laden ihres Vaters auszuräumen. Boden, Fenster, Theke, Vitrinen - einmal neu. Die alten Maschinen laufen noch. Zunächst wollte sie neben Schuh-Reparaturen auch Accessoires wie Schmuck und Gürtel anbieten. Seit sie ab 2010 nicht mehr in der Werkstatt stand, hatte sie sich schließlich in der Modebranche in das Metier eingearbeitet. Sie verwarf diesen Gedanken wieder. Aber nicht den, den Laden zum Leben zu erwecken.


Schuhe wie neu

Immer wieder wurde sie von Bekannten und Freunden angesprochen, nachdem ihr Vater den Betrieb Anfang 2014 schließen musste. Schlaganfall Nummer zwei machte ihn fast blind. Dass seine Tochter die Tradition jetzt fortführt, macht ihn stolz.

Um genügend Aufträge macht sie sich keine Sorgen: "Es gibt viele Leute, die Wert auf gute Schuhe legen." Berufsbedingt zählt sie sich selbst zu dieser Gruppe. Ein Fan von Turnschuhen ist sie nicht. Außer beim Sport. Joggen, Fitness-Studio - das sorgt bei ihr für den Ausgleich. Wie viele Schuhe eine Schuhmacherin besitzt? In ihrem eigenen Schuhregal im Nachbargebäude zur Werkstatt und dem kleinen Lagerraum reihen sich 60 Paar auf, schätzt sie und lacht. Frisch geputzt. Immer. Dass die Schuhe nach der Behandlung eines Schuhmachers immer aussehen wie neu - das hat sie schon immer fasziniert.

"Ich hab nur Bedenken, dass es zu viel für sie wird", sagt ihre 80-jährige Mutter. Und im gleichen Zug: "Aber ich helf gern mal aus." Was heute anders ist als früher? "Es wird bunter!", sagt Christine Schmittfull und holt eine kirschrote Sohle aus dem Lager. Was bleibt, ist ihre Leidenschaft für Leim, Leder und Leisten.