Dass ein Stoff, dessen Verfilmung einer der großen Welterfolge des deutschen Kinos war, sich doch eigentlich großer Beliebtheit erfreut, ist kein Grund für volle Häuser. Selbst ein bekannter Titel reicht wohl nicht mehr. Wie anders ist es zu erklären, dass zur Aufführung von Peter Turrinis Bühnenversion von "Der blaue Engel" nur beschämend wenig Publikum den Weg ins Bad Kissinger Kurtheater fand? Der im Textbuch vorgesehene Satz des Varietézauberers und Conférenciers Kiepert, mit dem er den Star der Show ankündigt, bekam da einen ganz eigenen Sinn: Lola sei stolz darauf, "ihre Künste einem so erlesenen Publikum vorführen zu dürfen."

Sei‘s drum. Die Zuschauer, die da waren, erlebten einen wunderbaren tragikomischen Theaterabend. Die Thetaerfassung, die sowohl auf Heinrich Manns Roman "Professor Unrat oder Das Ende eines Tyrannen" als auch auf Josef von Sternbergs UFA-Film zurückgreift, hat ihren ganz eigenen Reiz. Schon die Tatsache, dass die Musik ausschließlich auf einem Akkordeon begleitet wird, das Jolanta Szczelkun als Dummer August spielt, gibt der Aufführung einen besonderen, gewissermaßen bescheidenen Charakter. In hohem Maß ist sie für das changierende Flair der Varieté-Szenen verantwortlich.


Sichtbarer Spaß am Spiel



Quietschbunt in ihrem Ausdruck nimmt sich daneben Judith Steinhäuser als Guste Kiepert aus: Die Zauberersgattin und Artistin hat eine umwerfend erfrischende, direkte Art. Ihr Gemahl (Peter Schmidt-Pavloff) macht mit etwas rohem Charme eine gute, glaubwürdige Figur. Das Halbseiden-Schmierige spielt er mit Wonne und hat keine Mühen, an passender Stelle auch mal das Schlitzohrig-Mitfühlende eines Typen von Kieperts Schlag genüsslich auszubreiten. Schüler Lohmann ist mit Hans Machowiak gut besetzt, der ebenfalls sichtbar Spaß daran hat, in die Rolle des arroganten, respektlosen Schnösels zu schlüpfen, dem Roland Schreglmann als etwas blässlicher Mitschüler von Ertzum ein guter Partner ist.

Viel erwartet man von den Hauptdarstellern, Professor Immanuel Rath und Rosa Fröhlich, genannt Lola, die mit Gerd Silberbauer und Stefanie Mendoni besetzt sind. Emil Jannings und Marlene Dietrich haben hier Maßstäbe gesetzt. Wollte man Vergleiche ziehen, wäre das sehr ungerecht. Man muss das glücklicherweise gar nicht tun, weil die Atmosphäre des Stücks in Frank Matthus‘ Regie vollkommen anders ist. Das Theaterstück lässt sich also unabhängig betrachten. Mendoni gibt eine ausgesprochen reizende Lola.

Auch Silberbauer findet als Professor Unrat zu einem eigenen Stil. Er wirkt herrisch, cholerisch, menschlich, empfindlich und leicht zerstörbar. Eine gute Lichtregie, die zuweilen zwei Orte auf einen Bühne nebeneinander schaffen kann, ein schön gemachtes Ambiente und passende Kostüme sorgen dafür, dass diese Bühnenfassung eigenständig und wirklich gut gelungen ist.