Drei schwarze Roben hängen im Büro von Dr. Matthias Göbhardt am Kleiderständer, getragen im fast 40-jährigen Berufsleben als Richter. Eine Robe stammt aus den Anfangstagen, als der junge Jurist kurz nach dem Studium seine erste Stelle am Amtsgericht Schweinfurt angetreten hatte. Die Robe selbst ist in gutem Zustand, einzig der Saum an den Ärmeln ist etwas verschlissen und abgegriffen. "Das ist mein ganzes Richterleben", meint Göbhardt und deutet auf die Kleidungsstücke, in denen er in unzähligen Verhandlungen Recht gesprochen hatte: Als Strafrichter, als Zivilrichter, als Richter für Betreuungsrecht.


Als Richter in die Kurstadt

Zum 31. März verabschiedet sich der 65-Jährige in den Ruhestand. Einen Großteil seines Berufslebens hat der Schweinfurter am Amtsgericht Bad Kissingen verbracht, 13 Jahre war er hier Direktor und leitete insbesondere Strafverhandlungen an Schöffen- und Jugendschöffengerichten. "Es war mein ganzes Bestreben nach Bad Kissingen zu kommen", sagt er heute. Als passionierter Hobbygärtner habe er ein ganz besonderes Verhältnis zu der Stadt und seinen weitläufigen Grünanlagen. In der Mittagspause zieht es ihn Tag für Tag in Richtung Luitpoldpark und Rosengarten. "Dann fühle ich mich richtig erholt", erzählt er. Und bereit für den kräftezehrenden Job.


Augenmerk auf jungen Straftätern

Aus fachlicher Sicht hat ihn vor allem das aufwendige Zivilrecht gereizt, aus menschlicher war ihm das Jugendstrafrecht besonders am Herzen gelegen. "Die überwiegende Zahl schlägt nur ein bis zwei Mal bei uns vor Gericht auf ", sagt er. Den meisten Jugendlichen diene eine Verurteilung als Warnung, nur eine vergleichsweise kleine Gruppe werde wiederholt straffällig. Bei Wiederholungstätern war es ihm wichtig, eine positive Entwicklung zu beobachten. Die gab es allerdings nicht bei allen. "Manche haben sich gefangen, andere nicht", meint er.

Das Muster bei vielen jungen Straftätern sei ähnlich. Manche haben mit familiären Problemen zu kämpfen, andere kommen mit dem Leistungsdruck in Schule und Elternhaus nicht klar. "Sie fühlen sich oft abgehängt", berichtet der Richter. Also wird vor allem am Wochenende gefeiert, mit reichlich Alkohol und anderen Drogen. Das eskaliert nicht selten und endet dann gewaltsam. Ein Großteil landet deshalb wegen Körperverletzung, sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigungsvorwürfen vor Göbhardt im Gerichtssaal. "Das Problem mit den Drogen haben wir nicht im Griff. Das muss man sich eingestehen", sagt er.


Zuletzt Anstieg rechter Straftaten

Trunkenheit am Steuer, Unfallfluchten, Ladendiebstähle. Mit solchen Delikten hat Göbhardt sein ganzes Berufsleben zu tun gehabt. Genauso wie mit rechten Straftaten. "Die hat es schon immer gegeben." In letzter Zeit haben Verfahren in dem Bereich seiner Einschätzung nach zugenommen, parallel zum Anstieg der Flüchtlingszahlen in den vergangenen Jahren. Göbhardt: "Das ist Wasser auf die Mühlen solcher Leute." Ausländerkriminalität sei dem gegenüber derzeit kein Thema.


Aggressivität von Reichsbürgern

Eine aktuelle Entwicklung, die der Justiz Probleme bereitet, ist die Gewaltbereitschaft von Prozessbeteiligten, insbesondere von Seiten sogenannter Reichsbürger. "Es wird teilweise heftig gegen Eingriffe staatlicher Organe vorgegangen", sagt er. Staatsgewalt und Justiz werden rundherum abgelehnt. Oft bleibt da dann nur noch massiver Druck. "Manche treiben es derart auf die Spitze, dass sie wegen einer Beleidigung verhaftet werden", so Göbhardt. Weil auch verbale und körperliche Aggressivität zunehme, seien sowohl die 50 Mitarbeiter, als auch viele Zeugen und Prozessbeobachter froh, dass der Zutritt ins Gericht nur über eine Sicherheitsschleuse möglich ist.

"Er ist eine fachliche und menschliche Institution", sagt Stefan Haschke, Leiter der Polizei Bad Kissingen. Er bedauere es, dass der Amtsgerichtsdirektor in den Ruhestand geht. Göbhardt habe die bayerische Justiz hervorragend in Bad Kissingen vertreten, überregional mit seinen Urteilen für Aufsehen gesorgt und sich besonders bei Jugendlichen engagiert, denen er den rechten Weg weisen wollte. "Er war menschlich im Urteil und hat es sich nie einfach gemacht" , findet der Polizeichef.

Während Göbhardts Amtszeit wurde die Zweigstelle des Amtsgerichts in Hammelburg aufgelöst, sie ist nach Bad Kissingen umgezogen. Außerdem wurden die Gerichtsgebäude in der Von-Hessing- sowie in der Maxstraße saniert. "Jetzt sind wir adäquat untergebracht", findet der scheidende Direktor. Grundsätzlich gebe es Überlegungen, in der Von-Hessing-Straße anzubauen, um das Amtsgericht in einem Gebäude unterzubringen. Das würde eine Sicherheitsschleuse und somit langfristig hohe Personalkosten beim Sicherheitsdienst sparen. Allerdings ist ein Anbau derzeit nicht finanzierbar.

Das Oberlandesgericht Bamberg entscheidet in den nächsten Wochen über die Nachfolge, die voraussichtlich zum 1. Juni den Dienst in Bad Kissingen antritt. Bis dahin wird der stellvertretende Direktor des Amtsgerichts, Hubertus Petrik, die Geschäfte leiten.

Werdegang
Dr. Mattihas Göbhardt wuchs in Schweinfurt auf. Von 1971 bis 1979 hat er an der Uni Würzburg Jura studiert. 1978 trat er eine Richterstelle auf Probe am Amtsgericht Schweinfurt an. Göbhardt war in den 1980er und 1990er Jahren unter anderem als Richter in der Großen Strafkammer und der Zivilkammer am Landgericht Schweinfurt, außerdem arbeitete er für die Staatsanwaltschaft Schweinfurt. 1999 wechselte er an das Amtsgericht Bad Kissingen, die Leitung übernahm er 2004.