Schon seit 80 Jahren wird in Nüdlingen alljährlich IM Juni der Ertrag von 100 Kirschbäumen entlang der Straße Wurmerich an Meistbietende versteigert. Früher war die Gemeindeverwaltung dafür verantwortlich, schließlich sind die Bäume ihr Eigentum. Seit 15 Jahren macht es aber der Obst- und Gartenbauverein.

Viel Aufwand

Der finanzielle Einsatz für die Interessenten ist gering. Denn die Sache hat einen Haken: Jeder Bieter muss selbst auf die Bäume klettern, um in den Genuss seiner Kirschen zu kommen.
Jetzt war es wieder soweit: Zehn Interessenten sammelten sich am Ortsausgang und verschafften sich unter Führung vom Vereinsvorsitzenden Arnulf Hausdörfer und Kassier Günter Haup bei einem kurzen Spaziergang entlang der Kirschen-Allee einen Überblick über die zu erwartende Ernte. "Ende April ist es während der Kirschblüte hier besonders schön, diesen Anblick wollten wir unbedingt erhalten", nannte Hausdörfer den Grund, weshalb der Obst- und Gartenbauverein um das Jahr 2000 die Pflege der Obstbäume übernommen hatte. "Für die Gemeinde wurden Pflege und Versteigerung zu aufwändig."
Jetzt kümmern sich die 180 Vereinsmitglieder um den Erhalt der Allee. Jedes Jahr nach der Ernte werden vertrocknete oder brüchige Äste ausgeschnitten. Viele Bäume sind schon sehr alt. Nicht jeder abgestorbene Baum wird gleich entfernt. Hausdörfer: "Manche lassen wir als Nistplätze für die Vögel stehen." Allerdings wurden in den vielen Jahren auch junge Bäume nachgesetzt. Der Boden sei recht schlecht, viele Kirschbäume deshalb klein. Entsprechend fällt auch die Ernte unterschiedlich aus.
Nachdem das knappe Dutzend Interessenten - übrigens nicht nur Vereinsmitglieder und nicht nur aus Nüdlingen - den jeweiligen Fruchtbestand in Augenschein genommen hatte, wurden die Bäume grüppchenweise versteigert.

Taktik beim Bieten

"Denken Sie daran: Unser Verein übernimmt keine Haftung bei Unfällen", machte Hausdörfer die Bieter aufmerksam, als gerade 15 kleine Bäume für nur fünf Euro weg gingen. Immerhin braucht man bei den großen Bäumen eine Leiter zum Pflücken oder muss auf Äste steigen.
Der fröhlichen Stimmung schadete dieser Hinweis allerdings nicht. Schon war ein anderer Bieter zielstrebig vorausgeeilt: Er hatte sich für einen besonders prächtigen Baum entschieden. Das hätte er allerdings nicht so offen zeigen sollen. Zwei Mitbewerber machten sich einen Spaß daraus und trieben den Preis unnötig in die Höhe. Für 15 Euro bekam er aber dann doch noch seinen Wunschbaum und zwei kleine gleich dazu.
Für jedes Los aus drei oder vier Bäumen stellte Kassier Günter Haup dem Erwerber einen Zettel aus und sammelte gleich das Geld ein. Am Ende hatte er 42 Euro in seiner Kasse. "Das ist gutes Mittelmaß", gab er sich zufrieden. Es seien es auch schon mal über 60 Euro gewesen, ein anderes Mal auch nur 25. "Hauptsache, es reicht für unsere Brotzeit nach dem Baumschnitt", sagte auch der Vorsitzende.
Nach einer knappen Stunde in fröhlicher Runde trennte man sich. "Bis zum nächsten Jahr", hoffte Obst- und Gartenbauer Arnulf Hausdörfer. "Aber nur, wenn die Ernte heuer gut ist und mir meine Kirschen schmecken", sagte ein Bieter aus Bad Kissingen. In etwa zwei Wochen wird er sich beim Pflücken sein Urteil bilden können.
Abnehmer würden sich immer finden, gab sich Hausdörfer gelassen. Auch deshalb will sich sein Verein in Zukunft um die 100 Kirschbäume kümmern und alljährlich zwei Wochen vor der Ernte den Ertrag aus hellen und dunklen Süßkirschen "verstreichen".