Licht an, Kühlschrank auf und eben noch schnell das Handy geladen. Strom bestimmt unser Leben, aber wer bestimmt den Strom? Die meisten Menschen haben keine Vorstellung davon, wo der Strom eigentlich herkommt, den sie aus der Steckdose holen. "Es gibt kaum etwas, das noch komplizierter ist als der Strommarkt", sagt sogar Günter Schneider, Geschäftsführer der Stadtwerke Bad Brückenau. Und der muss es wissen.
Seit Ende 2010 bieten die Stadtwerke Bad Brückenau ihren Kunden 100 Prozent Naturstrom an, der vor allem aus Wasserkraft gewonnen wird. Die Energie wird zugekauft, und zwar ungefähr zu zwei Dritteln aus Norwegen und zu einem Drittel aus Bayern. Eigene regenerative Anlagen der Stadtwerke fallen kaum ins Gewicht. Da ist zunächst der Solarstrom, der etwa drei bis vier Prozent des Energiemixes ausmacht. Das Wasserkraftwerk Waldenfels steuert ein Prozent bei. Und dann gibt es noch das Blockheizkraftwerk für die Sinnflut, das auch ungefähr ein Prozent einbringt. Dieses soll heuer auf Biogas umgestellt werden, momentan produziert es auf konventionelle Weise Energie. Genau genommen hat Günter Schneider also ein bisschen geschummelt. "Das stimmt", gibt Schneider zu, "aber das eine Prozent kann man vernachlässigen".

Nur im Verbund stimmt der Preis


Dass ein so kleines Unternehmen wie die Stadtwerke überhaupt Ökostrom anbieten kann, ist nur dem Energieversorgungsunternehmen City-Use zu verdanken. Im Jahr 2001 haben sich 14 regionale Stadt- und Gemeindewerke zu einem Verbund zusammengeschlossen und eine Gesellschaft gegründet, die für sie den Strom einkauft. "Nur über diesen Verbund sind die Preise auch realisierbar, sonst wären wir schon lange von den großen Energiemultis aufgefressen worden", sagt Schneider. Zusammen mit den Stadtwerken Zeil am Main ist Bad Brückenau Vorreiter in Sachen Ökostrom. Die Stadtwerke Hammelburg und die Energie Versorgung Miltenberg-Bürgstadt GmbH bieten zumindest Tarifkunden 100 Prozent Naturstrom an.
Kritiker bemängeln an regionalen Ökostrom-Konzepten wie dem der Stadtwerke Bad Brückenau, dass zugekaufter Strom aus dem Ausland nichts zur Energiewende in Deutschland beitrage. "Auch das stimmt", sagt Schneider. Wer "echten" Ökostrom unterstützen will, sollte unter anderem darauf achten, dass die Energie aus regenerativen Anlagen stammt, die im Zuge der Energiewende neu gebaut werden - empfiehlt zum Beispiel Greenpeace. Deshalb bevorzugen manche Leute Stromanbieter wie die Naturstrom AG, die sich diesem Konzept verschrieben haben. Franz Zang vom Bund Naturschutz ist das Problem bewusst. Aber er gibt zu Bedenken: "Wir brauchen Regionalität. Was die Stadtwerke für die soziale Infrastruktur leisten, bieten andere Unternehmen nicht". Und Günter Schneider erklärt: "Wir setzen einen anderen Fokus. Wir versuchen, regional so unabhängig wie möglich zu werden".
Und so sieht der Plan für die Zukunft aus (siehe Grafik): Zunächst könnte bis 2020 etwa gut ein Fünftel der Energie, die wir heute verbrauchen, eingespart werden. Die Erzeugung von Solarstrom ließe sich auf etwa sieben Prozent verdoppeln, "aber dann ist es zu Ende", sagt Schneider. Durch die Tallage und die Bewaldung sei Bad Brückenau für Solarenergie nur begrenzt geeignet.
Größtes Wachstumspotential sieht Schneider in der Windkraft. Bis zu 30 Prozent der Energie könnten im Jahr 2020 durch Windräder gewonnen werden. Während in umliegenden Regionen das Thema bereits heiß diskutiert wird, spricht Schneider von "vorsichtig konkreten Ansatzplänen".Die Wirtschaftlichkeit einzelner Standorte werde geprüft, einzelne Flächen habe man sich auch schon gesichert. Aber "es bringt nichts, Standorte für Windkraftanlagen in den Raum zu werfen, die gar nicht genehmigungsfähig sind", sagt Schneider und schätzt, dass es vermutlich bis 2014 dauern wird, bis alle Gutachten durch sind und es auch für die Bürger konkret wird.
Dass Günter Schneider sich nicht erst seit der Atomkatastrophe in Fukushima für die lokale Energiewende interessiert, hat einen Grund. "Im Energiekonzept des Landkreises habe ich gesehen, dass jährlich etwa 300 Millionen Euro für Wärme, Mobilität - sprich Benzin - und Strom wegfließen." Der Gedanke daran, wie viele Arbeitsplätze man wohl schaffen könnte, wenn man nur einen Teil des Geldes in der Region hielte, ließ ihn nicht mehr los. Die Zahlen stammen zwar aus dem Jahr 2005, das Problem sei aber grundsätzlich dasselbe. Die Lösung sieht Schneider im Ausbau erneuerbarer Energie vor Ort: "Die Menge, die wir verbrauchen, können wir weitgehend hier erzeugen. So bleibt auch die Wertschöpfung in der Region."