Lena Vogler brennt. Sie will auf die Bühne. Keine Kompromisse. "Bist du dafür hart genug?", fragen ihre Kritiker - die, die das Feuer in ihr nicht erkennen. "Ohne diese Leidenschaft wäre ich nicht in der Lage, Leistung zu bringen", antwortet sie dann. Groß, schlank, helle Haut, blond - für viele passt sie nicht in das Bild einer Opernsängerin, die dem Publikum Arien entgegenschmettert. Die 23-Jährige aus Singenrain schmunzelt. Solche Reaktionen schmeicheln ihr. Lena Vogler studiert an der Würzburger Musikhochschule Gesang. Etwas anderes als klassische Musik kommt bei ihr nicht aufs Pult. Aus gutem Grund. Morgen Abend hat sie ein Heimspiel: Dann tritt sie mit zwei Studiumskollegen im Vortragssaal der Hartwaldklinik in Bad Brückenau auf.

Mal schnell etwas vorsingen? Ist nicht. Die Studentin zückt ihr Smartphone und lässt eine Aufnahme der letzten Probe laufen. Ihre Mutter Petra sitzt am Kachelofen, sie lächelt und schüttelt sich vor Gänsehaut. Lena Vogler erklärt: 20 Minuten Einsingen, besinnen, konzentrieren - "viele sehen die Arbeit nicht, die drinsteckt". Sie spricht ruhig und überlegt. Nur manchmal rollt sie ein fränkisches "R". Seit Jahren trainiert sie Stimme, Aussprache und Auftreten für die Bühne. Sie liebt, was sie tut, sagt sie. Und ihre leuchtenden, grünen Augen hinter dem dunklen Brillenrahmen überstrahlen die Arbeit, die sie in ihren Traum steckt.


Eine Familie voller Musik

"Lena hat schon immer gesungen", erzählt ihre Mutter Petra. Musik hat in ihrer Familie eine wichtige Bedeutung. Volkslieder mit Oma und Opa, Klarinette mit sechs - seit sie denken kann, macht sie Musik. Lena Vogler singt im fränkischen Kinderchor, hat die Hauptrolle in einem Musical-Projekt, tritt mit Schülerbands auf, wird Mitgründerin eines Gospelchors - irgendwann ist klar: da geht noch mehr. Sie nimmt Gesangsunterricht, bekommt gutes Feedback und Unterstützung von ihrere Lehrerin, lernt Klavier, macht ihr Abitur im Fach Musik - und dann?

"Es gab so viele Möglichkeiten. Ich habe mich gefragt: Was will ich überhaupt?" Sie macht eine einjährige Ausbildung als Fremdsprachenkorrespondentin - das beruhigte auch die Eltern, sagt sie und lacht. Nebenbei bereitet sie sich für die Aufnahmeprüfung der Würzburger Musikhochschule vor. "Ich war noch nie so aufgeregt." Sie war 20 als sie vor dem Gremium singt. Geschafft! Ein halbes Jahr später war sie Studentin.


Leistungssportler auf der Bühne

Gesang, Gehörbildung, Musikgeschichte, Italienisch, Schauspiel, Ballett, Fechten - der Stundenplan ist voll. Leistungssportler auf der Bühne: Im zweiten Semester stellte sich ihr Körper auf die neue Belastung ein. Lena Vogler macht einen künstlerisch-pädagogischen Abschluss. So kann sie später auch als Lehrerin arbeiten. Schon jetzt gibt sie Gesangsunterricht. Vor einem Jahr hat sie außerdem die Leitung eines Chors übernommen. Alle zwei Wochen probt sie mit Menschen mit psychischen Krankheiten. Früher wollte sie als Lehrerin in Afrika die Welt verbessern. Heute macht sie genau das. Während der Chorprobe sind ihre 20 Sänger keine Kranken, sondern Menschen. "Musik kann so viel bewegen. Wenn ich singe, weiß ich nie: Was bringt es den Leuten? Wie wirkt es? Hier kann ich es sehen."

Ihre Familie erdet sie. Das Daheim gibt ihr "Kraft für Würzburg", wie sie sagt. Mit der Oma am Küchentisch, der Mama beim Spazierengehen - sie braucht diese Bodenständigkeit. "Meine Eltern und meine Schwester sind meine größten Fans." Für die war klar: "Wenn du das willst, unterstützen wir dich", sagt Petra Vogler. "Wir spüren, das ist ihr Weg." Seitdem läuft auch im Hause Vogler mehr Klassik - für die 23-Jährige das einzig Wahre, die ehrlichste Musik.


Entspannung für die Stimme

"Es ist die reinste Form der Musik - alles echt, kein Verstärker. Wir machen diese Musik nur mit unserem Körper, unserer Stimme." Trotzdem läuft bei ihr hin und wieder das Radio oder der Fernseher - oder auch mal gar nichts. "Das Gehirn muss sich zwischendurch entspannen." Genauso ihre Stimme. In der Erkältungszeit verteilt sie dann auch schon mal Desinfektionsmittel und hält sich von schnupfenden Menschen fern.

Seit September probt das Trio für den Auftritt in Bad Brückenau. Obwohl sie schon viele Male auf der Bühne stand, hat sie immer noch Lampenfieber. "Sogar eher noch mehr", sagt sie und lacht. Beim ersten Ton kribbeln ihre Hände und die Aufregung wird durch Freude ersetzt, erzählt sie. Auf Morgen ist sie besonders gespannt: "Die Erwartungshaltung ist hoch. Viele, die mich und meine Stimme kennen, werden genauer hinhören."