"Ich habe mich gefühlt wie im Steinzeitalter", fasst Luisa Ruppert ihre Eindrücke vom Stromausfall am vergangenen Freitag zusammen. Rund zwölf Stunden war in der oberen Erhardstraße der Strom weg: Kein Kochen, kein Backen, kein Licht, der Postbote nahm sein Paket wieder mit und hinterließ einen Zettel, weil die Klingel nicht ging, und dann war auch noch ganz schnell der Handy-Akku leer. "Man fühlt sich wie abgeschottet von der Welt." Zudem verdarb im Gefrierschrank der Wocheneinkauf für die vierköpfige Familie. "Das meiste war nur noch für die Tonne", berichtet Luisa Ruppert.


Erneute Abschaltung

Von den Stadtwerken Bad Kissingen hat die Stromkundin bislang nicht einmal eine Erklärung für den Stromausfall bekommen, geschweige denn eine Entschuldigung. Im Briefkasten habe am Montag nur ein Zettel gelegen, dass der Strom morgen, Mittwoch, noch einmal für drei Stunden weg ist - voraussichtlich von 4 bis 7 Uhr. Auf dem Zettel befand sich nur eine Anmerkung, dass die Stadtwerke eine Haftung für Schäden ausschließen.
"Wir haben am Freitag kurz nach 7 Uhr die Info bekommen, dass der Strom weg ist, danach waren wir 13 Stunden ohne Strom", berichtet auch Alexander Böse, Mit-Inhaber des Steuerberatungsbüros EBHF. Eigentlich hätten an dem Tag 15 von 20 Mitarbeitern gearbeitet. "Bis auf eine kleine Notbesetzung von zwei Leuten mussten wir alle nach Hause schicken", berichtet Böse, und: "Im EDV-Zeitalter geht ohne Strom gar nichts."


Extra-Schichten am Samstag

Per Handy habe er mit etlichen Mandanten Kontakt aufgenommen, schließlich gebe es in einer Steuerberatungskanzlei immer wieder auch dringende Anfragen, etwa wenn neue Mitarbeiter gemeldet werden müssen. Ein Tag Verzögerung könne da schnell zum Vorwurf der Schwarzarbeit führen. Deshalb setzte sich Steuerberater Alexander Böse auch noch am Abend hin, um die wichtigsten Mails abzuarbeiten. "Am Samstag und heute am Montag mussten die Mitarbeiter dann Extra-Schichten einlegen", berichtete Böse gestern. Mit den wenigen Mandanten, die am Freitag persönlich vorbei kamen, setzten sich die Mitarbeiter in kalte und dunkle Räume, weil Heizung und Licht ausfielen, um ohne Computer noch etwas zu retten.


Keine Daten verloren gegangen

Zum Glück habe sich die Kanzlei schon vor langem über einen externen Dienstleister für solche Fälle abgesichert: "Wir hatten keinen dauerhaften Datenverlust", fasst der Steuerberater deshalb den entstandenen Schaden zusammen. Trotzdem will er mit den Mit-Inhabern prüfen, ob Schadensersatz-Ansprüche erhoben werden. Auch Luisa Ruppert will sich noch mit den Stadtwerken in Verbindung setzen, die Nachfragen am Freitag seien jedenfalls eher ernüchternd gewesen: "Da kam gar nichts raus."
"Wir bitten unsere Kunden um Verständnis, da es sich hier aufgrund der vorliegenden Umstände um eine besondere, nicht alltägliche Situation handelte", teilten die Stadtwerke gestern auf Nachfrage zum Stromausfall in der Erhardstraße mit. Die "längere Unterbrechung der Stromversorgung" habe die Anwesen von Hausnummer 34 bis 42 betroffen. Ab 7.50 Uhr sei der Strom weg gewesen, die Anwesen Erhardstraße 36 und 36a hatten laut Stadtwerke um 16.24 Uhr wieder Strom, weitere acht Anwesen gingen erst um 19.22 Uhr wieder ans Netz.
Ursache sei eine "komplexe Störung am Niederspannungskabel" gewesen. An dem 1000-Volt-Kabel seien gleich an mehreren Stellen Kabel-Muffen und Kabelteile defekt gewesen, was zu Kurzschlüssen geführt habe. "Die Instandsetzungs- und Reparaturarbeiten wurden am Freitag von den Stadtwerken mit Hochdruck durchgeführt, gestalteten sich aber schwierig, da die Fehlerlokalisierung und Freischaltung auch aufgrund der notwendigen Zugänglichkeiten zu verschiedenen Objekten/ Hausanschlüssen sehr zeitintensiv war", heißt es in der Presse-Mitteilung der Stadtwerke.
Um das defekte Kabel wieder vollständig nutzen zu können sind laut der Stadtwerke Bad Kissingen weitere Arbeiten notwendig, die eine weitere Abschaltung von rund drei Stunden noch in dieser Woche bedürften. "Zurzeit sind unsere Mitarbeiter dabei, die anstehende Stromabschaltung im Einzelnen mit den betroffenen Anwesen zu koordinieren", hieß es auf Nachfrage. Neben dem Kurzschluss in der Erhardstraße gab es auch weitere Stromausfälle: In der Nacht auf Montag, 31. Oktober, gab es im gesamten Stadtgebiet kurze Unterbrechungen.
"Wenn ein Anspruch entsteht, dann in erster Linie gegen den Netzbetreiber", stellt Juristin Daniela Czekalla von der Verbraucherzentrale Bayern klar. Bei Vermögens- und Sachschäden wird vermutet, dass Vorsatz oder Fahrlässigkeit vorliegt, der Netzbetreiber muss das Gegenteil beweisen, allerdings sei die Schadenssumme bei leichtem Vorsatz auf 5000 Euro beschränkt. Für alles darüber müsste der Netzbetreiber grob fahrlässig gehandelt haben. Der Tipp von Daniela Czekalla: "Man sollte es auf alle Fälle versuchen, der Netzbetreiber muss den Anspruch dann zumindest widerlegen."