Im Dezember startete in beiden Bad Kissinger Grundschulen das Lesepaten-Projekt im Rahmen der von der Stadt geförderten Eltern-Schule-Initiative "Kisspäd": Gymnasiasten der neunten und zehnten Jahrgangsstufe halfen drei Monate lang ausgewählten Schülern der zweiten bis vierten Grundschulklassen beim Lesen und förderten deren Lesekompetenz. Über das Projekt und dessen Erfolge informierten am Dienstag einige der Beteiligten im Jack-Steinberger-Gymnasium.
"Lesen ist wichtig fürs Leben", erfuhr Schulleiter Frank Kubitza bei seiner Umfrage unter den kleinen Gästen aus der Sinnberg- und der Henneberg-Grundschule. Auch sei es "eine schöne Freizeitbeschäftigung". Der Gymnasialdirektor erklärte den Kindern, dass Lesen und Schreiben den Unterschied zwischen Mensch und Tier ausmacht. Nur so könne Wissen an nachfolgende Generationen weitergegeben werden. Schule macht nicht immer Spaß, doch Lesen kann Freude machen, was mit Hilfe des Lesepaten-Projekts deutlich werden soll.
Nach einer Versuchsphase im Vorjahr hätten sich spontan 80 Schülerinnen und Schüler des Jack-Steinberger-Gymnasiums zur Übernahme einer Lesepatenschaft gemeldet, berichtete Deutsch-Seminarleiterin Claudia Wührl. Letztlich wurden 50 Gymnasiasten nach einer kurzen pädagogischen Unterweisung als Paten auf die Grundschüler aufgeteilt. War ein Schüler leseschwach, wurde er allein von einem Paten betreut. Andere durften in Kleingruppen mit zwei oder mehr Lesepaten gleichzeitig arbeiten. Wührl: "Unsere Paten sind mit einer Riesenbeisterung an die Aufgabe rangegangen."
In den vergangenen drei Monaten kamen die Lesepaten einmal wöchentlich für jeweils eine Schulstunde mit ihren Schützlingen zusammen, wählten ihnen altersgerechte oder dem individuellen Lesevermögen angepasste Bücher aus, ließen die Kleinen laut vorlesen, übten die schwierigen Wörter, besprachen das Gelesene und verarbeiteten alles spielerisch beim Basteln und Malen. Diese Lesestunden seien bald so attraktiv gewesen, hat Wührl von ihren Grundschulkollegen erfahren, dass Flötenkinder "absichtlich ihre Flöten zuhause vergessen" hätten, nur um beim Lesen mitmachen zu dürfen. Die Teilnahme am Lesepatenprojekt sei auch im Grundschulunterricht "durch größere Begeisterung und verbesserte Lesekompetenz" spürbar geworden.
Die Gymnasiasten arbeiteten mit ihren Patenkindern sehr intensiv. Ihnen seien manchmal sogar Schwachstellen bei Grundschülern aufgefallen seien, die selbst den Lehrern bisher unentdeckt geblieben waren.
Der Umgang mit Jüngeren brachte aber auch den Gymnasiasten neue Erfahrungen. "Ich kann jetzt noch besser mit Kindern umgehen", freut sich Larissa Kiesewetter (16). Dies kommt ihr als Jugendleiterin bei der Kommunalen Jugendarbeit sehr entgegen. "Ich habe gelernt, mehr auf die Befindlichkeit und Gefühlslage eines Kindes einzugehen." Außerdem habe sich ihr eigenes Verhältnis zur Literatur verbessert.
Den Umgang mit Kindern ist ihre gleichaltrige Mitschülerin Madeleine Beer durch ihre jüngeren Geschwister gewöhnt. Oft liest sie gemeinsam mit ihnen und erklärt Unverständliches. "Es ist interessant zu sehen, wie sich die Kinder durch unsere Leseförderung entwickeln: Erst sind sie hippelig, später viel konzentrierter." Vor allem bei den Jungs sei es ihr ausgefallen. Bei richtiger Auswahl der Lektüre und zunehmendem Spaß am Lesen hätten auch sie in ihrer Kleingruppe gut mitgemacht. Und: "Man achtet auch selbst darauf, wie man liest."
Eines ihrer Patenkinder, Maxima Diehl (8) aus der Sinnberg-Grundschule, hat schon immer gern gelesen - "abends vor dem Schlafen". Ob sie durch die Lesepatenschaft nun besser lesen kann? "Ich glaube schon." Immerhin wagt sie sich jetzt auch mal an einen schwierigeren Text. Aber Märchenbücher sind ihr noch immer am liebsten.
Texte lesen zu können, das Gelesene dann wiedergeben, verarbeiten und nutzen zu können, "ist der Kern jeder schulischen Bildung", steht für Gymnasialdirektor Frank Kubitza fest. Aber: "In der Grundschule entscheidet sich, ob jemand ein guter Leser wird", weiß Seminarleiterin Claudia Wührl aus ihrer Erfahrung. Wichtig ist deshalb die frühzeitige Leseförderung. Wührl: "Man kann nicht aus einem Schlechtleser einen Vielleser machen, ohne vorher seine Lesekompetenz, sein Lesevermögen ausreichend gefördert zu haben."