Das war bestimmt keine leichte Kost. Die "Mailänder Operngala" war kein Wunschkonzert, kein Lieferant von Ohrwürmern oder Gassenhauern. Wer immer das Programm zusammengestellt hatte, hatte Wert gelegt auf Arien und Duette, die tiefer gehende Probleme wälzen in Opern, die nicht gut ausgehen. Da entsteht keine Stimmung, in der sich der große Jubel breit macht, da ist auch der Beifall ernster.
Massimiliano Murrali stand am Pult des Orchestra dell'Accademia del Teatro alla Scala di Milano, also sozusagen des Ausbildungsorchesters des Mailänder Opernhauses. Das war nicht die schlechteste Verbindung. Denn Murrali ist ein außerordentlich erfahrener Opernmensch, der sehr genau weiß, wie man Sänger und Orchester zusammenhält, der beide Seiten fordert, ohne sie zu überfordern. Und man merkte auch dem Orchester an, dass es gelernt hat, Opern mit ihren besonderen Bedingungen zu spielen. Die jungen Leute wussten, wie wichtig eine aufmerksame Spontaneität im Blick auf den Dirigenten ist. Murrali hatte keine Probleme, den Solisten ein paar Freiheiten zu lassen, weil er sich auf das Orchester verlassen konnte.


Überlegene Gestalterin

Die beiden Solisten waren beide nicht das erste Mal beim Kissinger Sommer. Die Sopranistin Norma Fantini präsentierte sich schon im letzten Jahr als überlegene Gestalterin. Und das war sie auch dieses Jahr wieder. Sie kann mit ihrer Stimme spielen, sie kann starke Emotionen und ihre Brüche gestalten und muss dabei keine Rücksicht auf technische Bedenken nehmen. Das virtuos Spektakuläre ist ihre Sache nicht; sie legt mehr Wert auf die Inhalte.
So entstanden Interpretationen von größter Dichte und Spannung. Wie in "L'altra notte in fondo al mare" aus Arrigo Boitos "Mefistofele", in dem Margherita im Kerker nach dem Tod ihres Kindes und ihrer Mutter sich mit voller Kraft ihren Schmerz von der Seele singt. Aber man merkt, dass das eigentlich nur innerlich geschieht. Oder bei "Ebben? Ne andrò lontana" aus Alfredo Catalanis "La Wally", in der sie tief in die düstere Gedankenwelt der vom Hof Verjagten eindringt. Oder bei "Un bel di vedremo" aus Giacomo Puccinis "Madama Butterfly", in der Cio-Cio-San ihrem Kind erzählt, dass sein Vater, der Leutnant Pinkerton, bestimmt einmal wiederkommt, sie selbst aber nicht davon überzeugt ist. Da dringt Norma Fantini in die innersten Bereiche ihrer Figuren.


Wundersame Wandlung

Bei Robert Dean Smith musste man in anderer Weise gespannt sein. Bei seinem letzten Kissinger-Sommer-Auftritt vor ein paar Jahren hatte er in der Höhe stark forcieren müssen, hatte er zum Schreien geneigt. Man hatte das damals insgeheim auf sein Alter zurückgeführt. Aber mittlerweile ist er 60. Nur: Dieses Forcieren ist völlig verschwunden; die Stimme ist auch in der Höhe elastisch, und Robert Dean Smith kann auch in der Höhe ein Decrescendo singen.
Was bei ihm geblieben ist - und das ist gerade unter Amerikanern weit verbreitet - ist sein statuarisches Singen. Wenn er nicht wie in der Oper mit ihrer Spielhandlung einen Regisseur hat, der ihm sagt, wann er wohin gehen soll, dann neigt er zum gestischen Erstarren, und das wirkt sich auch auf die Singhaltung aus. Das Gebet des Cola Rienzi aus Richard Wagners früher Oper "Rienzi" singt er intonatorisch ausgezeichnet, aber wie einen Rapport. Da bekommt man nicht den Eindruck, dass der Volkstribun in eine brenzlige Situation geraten ist, aus der ihm sein Gott heraushelfen soll. Auch bei "Cielo e mar" aus Amilcare Ponchiellos "La Gioconda" hat man bei aller Flexibilität des Singens nicht das Gefühl, dass da ein verliebter Enzo wartet, dass seine Geliebte an Bord kommt.


Emanzipation in den Duetten

Etwas besser erkennbar wurde die emotionale Gestaltung in der hochdramatischen Arie "Vesti la giubba" aus Ruggero Leoncavallos "I pagliacci", weil Murrali ihn ein bischen zwang, sich gegen die Musik zu wehren. Aber die eigentliche emotional gestaltende Emanzipation Robert Dean Smiths kam in den Duetten, zum ersten Mal bei "Bimba dagli occhi pieni di malia" aus Puccinis "Madama Butterfly", in dem Norma Fantini ganz greifbar die emotionale Unsicherheit und Überforderung der Cio-Cio-San gestaltete, die gerade ihre Liebe zu dem Leutnant Pinkerton entdeckt hat und nicht weiß, ob sie ihr nachgeben soll. Da muss Robert Dean Smith wohl gemerkt haben, dass er in diesem emotional aufgeheizten Klima nicht daneben stehen und singen kann wie ein Nussknacker im Frack, und brachte plötzlich etwas koloniale Arroganz in seine Stimme.


Einzug der Psychologie

Der Bann war gebrochen. Davon profitierte nicht nur die ungemein schwierige Arie "Quando le sere, al placido" aus Giuseppe Verdis "Luisa Miller", in der sich Rodolfo gegen die Wurm'schen Intrigen auflehnt, sondern auch die anderen Duette. Bei "Io vengo a domandar grazia", dem berühmten Duett von Carlo und Elisabetta aus "Don Carlo", hörte und sah man jetzt auch, dass der Infant um sein Leben singt. Und großartig waren die beiden Duette von Otello und Desdemona: zuerst "Dio ti giocondi, o sposo", in dem Desdemona nicht glauben will, dass sie sterben wird, und Otello nicht begreifen kann, was er getan hat. Da war auf einmal über die Musik hinaus viel Psychologie im Spiel. Und ein wunderbarer Abschluss wurde das erste Duett ,"Già della notte densa", als beide noch in Glücksgefühlen schwelgen. Da glaubte man den beiden mühelos, was sie sangen. Mehr kann Oper nicht erreichen.