Jedem Bedürftigen will der Verein Bad Kissinger Tafel helfen, aber "wenn es ums Überleben geht, kommt der Selbsterhaltungstrieb ins Spiel", sagt Vorstandsmitglied Hartmut Großmann.

600 Abholscheine für Bedürftige sind vergeben, im vergangenen Jahr waren es halb so viele. Da im laufenden Monat neue Flüchtlinge erwartet werden, beschloss der Vorstand den Aufnahmestopp. "Nicht wegen der Asylsuchenden, sondern wegen des personellen Mangels bei den Helfern", betont Iris Hönig, Vorstandsvorsitzende der Bad Kissinger Tafel. "Es ist uns nicht wichtig, weshalb jemand kommt." Einen Abholschein kann erhalten, wer Arbeitslosengeld II, Grundsicherung im Alter oder Leistungen nach dem Asylrecht bezieht.


Ressource Ehrenamt

Hauptsächlich kommen Arbeitslose zur Essensausgabe. Rund ein Drittel der Kunden sind mittlerweile Flüchtlinge, im letzten Jahr waren es noch weniger als fünf Prozent.

Mehr Bedürftige erfordern mehr Personal."Mit der Ressource Ehrenämtler muss man sorgsam umgehen", sagt die Vorsitzende. Wenn sich Menschen bis zu 20 Stunden in der Woche ohne Bezahlung engagieren, könne man sie wegen des hohen Andrangs nicht noch zusätzlich belasten. Weitere Helfer sind also dringend erforderlich. Die ehrenamtliche Tätigkeit sei etwas Wunderbares, meint Hönig. Einmal kam ein junges Mädchen zu ihr und fragte, ob sie Milch bekommen könne. Da Milchspenden selten sind, musste Hönig verneinen. "Ich muss aber noch wachsen", wandte das Mädchen ein, worauf Hönig ihr eine Milchtüte aus dem Kaffeezimmer der Mitarbeiter brachte. "Wie die sich freute, da kriege ich immer noch Gänsehaut", erzählt Hönig strahlend.

Den Umgang mit verschiedenen Menschen findet sie besonders interessant. Der Kundenstamm wie die Mitarbeiter sind eine bunt gemischte Truppe. Zwei Helfer stammen aus Syrien, Pfadfinder, Studenten und Rentner engagieren sich bei der Tafel. Bedarf an Helfern hat der Verein in allen Bereichen, gesucht werden Statistiker, Lager- oder Ausgabehelfer und besonders Fahrer.


Tafeln im Landkreis

"Noch geht's bei uns", sagt Dieter Roth, Vorsitzender der Hammelburger Tafel. Bei ihm sind 28 ehrenamtliche Helfer beschäftigt, rund 150 Bedürftige besitzen einen Abholschein. Den Hammelburgern fehlen keine Helfer, sondern Lebensmittelspenden. "Ja, bei den Spenden hapert's", sagt auch Klaus Hartmann, Vorstand der Tafel in Bad Brückenau. Die Flüchtlinge seien nicht das Problem. Seiner Meinung nach sei die Politik hier aber zuständig, und nicht alles dürfe auf die ehrenamtlichen Helfer abgewälzt werden.

Iris Hönig von der Bad Kissinger Tafel sieht die Grundversorgung ebenfalls als Aufgabe der Politik, egal ob bei Flüchtlingen oder Arbeitslosen. Sie habe von Städten gehört, wo wegen einer ortsansässigen Tafel der Hartz-IV Satz gesenkt werden sollte. "Das geht natürlich überhaupt nicht", meint sie.


Keine politische Botschaft

Mit dem Abholstopp wolle die Kissinger Tafel aber keine politische Botschaft senden, betont Hönig, "wir haben andere Aufgaben", aus der Politik halte sich der Verein seit jeher heraus.

Vor zwölf Jahren hat Hönig die Kissinger Tafel aufgebaut, den Vorsitz wolle sie im Jahr 2016 abgeben. "Es ist auch gut, wenn frischer Wind reinkommt", sagt sie. Doch "die Leute stehen nicht gerade Schlange", meint ihr Kollege Hartmut Großmann. Der Tafel fehlen auch hier neue Helfer.