Der 17-jährige Hadi aus Sambia ist vor drei Monaten in Deutschland angekommen, der ein Jahr jüngere Mohammed aus Kabul lebt bereits zwei Monate länger hier. Sie werden vom Arbeitsförderungszentrum (Afz) betreut und wohnen derzeit mit 21 weiteren minderjährigen Flüchtlingen im Afz-Campus in der ehemaligen US-Kaserne. Sie teilen sich das Campus-Hotel mit Berufsschülern, die dort während des Schuljahres untergebracht sind.
Seit ein paar Tagen besuchen sie die Berufsschule. Mohammed will einen Krankenpflegeberuf lernen, Hadi will Automechaniker werden. Oder natürlich noch besser: "Fußballspieler bei Bayern München", sagen die Jungs. Beide sind Fußballfans.


Anders als klassische Jugendhilfe

Hadi und Mohammed sind ohne ihre Eltern aus ihrer Heimat geflohen. Weil sie noch nicht volljährig sind, macht sie das zu einem Fall für die Jugendhilfe: Die schreibt eine gesonderte Unterbringung (nicht in einer regulären Flüchtlingsunterkunft) mit einer pädagogischen 24-Stunden-Betreuung vor. "Der Bedarf, den die Jugendlichen haben, ist sehr individuell", sagt Hannes Schnabel. Der Sozialpädagoge ist für die jungen Flüchtlinge im Afz verantwortlich.

Sie müssen je nach persönlichen Talenten, Motivation, Herkunft und Vorbildung unterschiedlich gefördert werden. Die Flüchtlinge sind aufgrund ihrer Erfahrungen deutlich selbstständiger im Vergleich zu Altersgenossen, die in Deutschland in Kinderheimen aufwachsen. Dafür haben sie sprachliche Defizite, sind mit unserer Kultur nicht vertraut, müssen nach der Flucht einen geordneten Alltag lernen und: "Manche Vorstellungen vom gelobten Land müssen wir ein Stück weit korrigieren", sagt Schnabel. Grundsätzlich seien die Jugendlichen aber motiviert, sich einzubringen.


Langfristig neue Jugendheime

Der Landkreis verfügt im Moment über Kapazitäten, um 62 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (so heißen sie im Behördendeutsch) unterzubringen. Bis Ende des Jahres könnten insgesamt bis zu 140 Plätze benötigt werden. Das stellt das zuständige Jugendamt vor Probleme, weil die Kapazitäten erst zu schaffen sind: Träger wie das Afz, pädagogisches Personal und geeignete Immobilien müssen gesucht und gefunden werden. "Die Personalakquise ist eine sehr große Schwierigkeit", sagt Thomas Duda, stellvertretender Leiter des Jugendamts.

Die Kapazitäten, die jetzt entstehen, könnten dem Landkreis dauerhaft erhalten bleiben. Wie Duda berichtet, plant beispielsweise die Evangelische Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie Würzburg, Immobilien für die Unterbringung der unbegleiteten Flüchtlinge zu erwerben. Die Einrichtungen sollen später als reguläre Kinder- und Jugendheime genutzt werden.


Alltag läuft langsam an

Viele Träger wiederum stehen vor der Herausforderung, dass sie im Umgang mit den jugendlichen Flüchtlingen keine Erfahrung haben. Diese müssen sie jetzt in der Praxis neu aneignen. "Viele Sachen laufen erst nach und nach an", berichtet Schnabel vom Afz. Zunächst sei es wichtig, dass der Schulalltag der Flüchtlinge in den Berufs- und Mittelschulen funktioniere. Um den Unterricht herum soll dann die Freizeit strukturiert werden, etwa über Angebote in Sportvereinen. Laut Schnabel hätten viele der Jugendlichen bereits bei einem Schnuppertraining beim TV Jahn Winkels mitgemacht.

Landrat Thomas Bold (CSU) betont, dass es Zeit braucht, um die Unterbringung neu aufzubauen. "Wir müssen alle noch lernen, wie man das am Besten umsetzt", sagt er. Kritik an der Unterbringung kommt von Thomas Krug, der als Pädagoge in zwei Einrichtungen in Bad Kissingen jugendliche Flüchtlinge betreut hatte. Träger und Personal seien oft überfordert. Gerade Berufsanfänger täten sich schwer, für die Betreuung würden mehr Pädagogen mit Berufserfahrung benötigt. Außerdem bräuchten die Träger ein klareres Konzept, damit die Integration gelinge. Krug vertritt einen autoritären Erziehungsstil, zu dem auch ein Sanktionskatalog bei missliebigen Verhalten gehört. Bold weist die Kritik jedoch zurück. In den Einrichtungen laufe alles ordnungsgemäß. Der Landrat fordert mehr Unterstützung vom Bund, unter anderem sollten die ankommenden Flüchtlinge bundesweit besser verteilt werden. Zudem seien die Rahmenbedingung für die Unterbringung der Minderjährigen anzupassen. "Wir sind nicht in der klassischen Jugendhilfe", begründet Bold.

Der Bund sieht Handlungsbedarf: Ab November soll ein Gesetzespaket in Kraft treten. Die Regierung will 350 Millionen Euro für die Unbegleiteten bereitstellen. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) plant, sie künftig wie Erwachsene auf die Länder zu verteilen.


Unterbringung der unbegleiteten Minderjährigen

Belegung 87 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sind dem Landkreis zugeteilt.

Träger Der Kreis kooperiert mit verschiedenen Trägern: Neben dem Afz sind das die Evangelische Kinder- und Jugendhilfe der Diakonie Würzburg, das Netzwerk Soziale Dienste Salz, das Caritas-Kinder- und -Jugenddorf Riedenberg und die Arbeiterwohlfahrt. Nicht alle sind im Landkreis un tergebracht, ein Teil wird in Würzburg (11) und Schweinfurt (8) betreut. Die meisten wohnen in Bad Kissingen (25), zehn in Münnerstadt und zwei in Riedenberg. Für Bad Brü ckenau und Hammelburg laufen Planungen.