Jedes Jahr kommen im Winter russische Ballett-Compagnien nach Deutschland, deren Besuch, um im Bild zu bleiben, mitunter russischem Roulett gleicht: Man kann Glück haben - oder Pech. Wie aber soll der Tanzliebhaber die Spreu vom Weizen trennen? Gar nicht. Er kauft sozusagen die Katze im Sack. Die schmückenden Prädikate "russisch", "national" und "Staats", die fast alle Ensembles in ihren Namen tragen, sollen nicht nur die Herkunft verraten, sondern auch eine gewisse Qualität suggerieren: Was aus Tanz-Russland kommt und den Stempel staatlicher Protektion trägt, kann nicht ganz schlecht sein, vermutet der Laie, und er liegt so nicht falsch.
Großes Glück hatten die Zuschauer des Balletts "Dornröschen" von Pjotr Iljitsch Tschaikowski mit dem "Klassisch Russische Ballett" aus Moskau im ausverkauften Bad Kissinger Kurtheater. Die hervorragenden Tänzer des Balletts präsentieren das Märchen auf außerordentlich hohem technischem Niveau. Mit lang auf der Spitze gehaltene Attitude und vielen Solorollen beweisen die Tänzer ihre Professionalität und Perfektion. Die hohe Kunst des Spitzentanzes und der Ausdruck der Tänzer verzauberten das Publikum und brachten das bekannte Märchen auf einen emotionalen, poetischen Höhepunkt.


Bilder von Hand gemalt

Was die Solisten und das "Corps de ballet" mit ihrer zeitlos märchenhaften Interpretation aus dem Klassiker machten, das verdiente höchste Anerkennung und erhielt die Applausstürme völlig zu Recht. Große professionelle Tanzszenen, Soloparts und viel Engagement der Tänzer und Tänzerinnen kennzeichneten die Aufführung. Dabei zeigten die Tänzer herausragende Leistungen in ihren bunten und klassischen Kostümen sowie eine beeindruckende Choreografie. Man konnte sich zurücklehnen und einfach genießen. Von Hand gemalte Bühnenbilder begleiteten die Vorstellung und tauchten den Zuschauer in eine zauberhafte Welt ein. Dank einer fantasievollen Ausstattung an Kostümen und Kulissen erfreute die Aufführung schon rein optisch. Mit der schwebenden Leichtigkeit, Grazie und Eleganz von Porzellanfigürchen ließen die Balletteusen und Tänzer die exakte Arbeit und athletische Strenge vergessen, die hinter der Aufführung steckte.
Emotional hochgeladene, teilweise auch spannungsreich pointierte Szenen wechselten sich ab mit Momenten unendlicher Zartheit und fast rührseliger Unschuld. "Dornröschen" gilt nicht nur als das größte, sondern auch als das anspruchsvollste, aber auch gelungenste aller Ballette aus der großen zaristischen Ära. Auch wenn die Story, ein Kunstmärchen von Charles Perrault, das die Brüder Grimm gerne in ihre Sammlung übernahmen, etwas linear erscheinen mochte - die Musik war überwältigend, obgleich sie - teilweise sehr lautstark - "nur" vom Band kam. Das bekannte Märchen erzählt mit der Musik von Pjotr Iljitsch Tschaikowski von der Prinzessin, die bei der Geburt verflucht wird. Nach einem Stich an einer Spindel muss sie hundert Jahre hinter einer Dornenhecke schlafen. Viele versuchen ihr Glück, dennoch schaffen sie es nicht, die Hecke zu überwinden. Erst der Kuss der wahren Liebe schließlich wird die Prinzessin wecken.