Bad Kissingen — Es hätte ein fulminanter Abend werden können, das Galakonzert mit den Bamberger Symphonikern - Bayerische Staatsphilharmonie und Manfred Honeck am Pult. Und er begann auch fulminant (und ging auch so zu Ende) mit Peter Tschaikowskys Polonaise aus der Oper "Eugen Onegin". Da ließ Honeck seine Leute von der kurzen dynamischen Leine, da wurde mit großer Farbigkeit und mit Pfiff lustvoll musiziert - ein echter Aufwecker. Und man stellte sich schmunzelnd vor, wie der Druck dieser Musik im Ballsaal des Fürsten Gremlin die Kerzen auf den Kronleuchtern eine nach der anderen auspustet.

Wo blieb das Singende?

Tschaikowskys Andante cantabile op. 11 , eine Bearbeitung des langsamen Satzes aus seinem 1. Streichquartett für Solovioloncello und Streichorchester, hätte ein wunderbar lyrischer Kontrast sein können. Aber Jan Vogler, der den Solopart übernommen hatte, konnte mit dem Notentext nicht allzu viel anfangen. Es gelang ihm nicht, dem "cantabile" Leben einzuhauchen, Emotionalität zu gestalten und dabei auch ein bisschen ins Schwärmerische zu überziehen. Er buchstabierte seinen Notentext und formulierte so vorsichtig auf Wohlklang, dass Manfred Honeck seine Streicher fast bis zur Unhörbarkeit zurücknehmen musste. Erzählt wurde nichts.

Kein günstiger Vergleich

Das wurde beim nächsten Stück nicht anders. Jan Vogler hatte das Pech, dass Tschaikowskys Rokoko-Variationen das meistaufgeführte Orchesterwerk für Violoncello ist. Da gab es großartige Interpretationen wie von Alban Gerhardt oder Heinrich Schiff und denkwürdige wie von Boris Pergamenschikow. Da musste er sich dem Vergleich stellen - und konnte keinen Blumentopf gewinnen. Auch hier war er zu sehr mit seinen Noten beschäftigt, um souverän gestalten zu können. Statt dessen zielte er auf einen neutralen Wohlklang, den er freilich nicht immer traf. Vogler gelang es nicht, die Variationen im Sinne ihres Namens wirklich zu differenzieren, die schnelleren Variationen zum Abheben zu bringen. Er hätte ja nur auf das Orchester hören müssen.

An den Grenzen des Machbaren

Was aber wirklich ärgerlich war, war, dass Vogler mit dem Stück erstaunlicherweise an die Grenzen seiner technischen Möglichkeiten geriet. Er hatte Brüche in den Lagenwechseln, Probleme mit der kontrollierten Treffsicherheit, und wenn es schwieriger wurde, vor allem bei schnellen Läufen, trat er auf die Bremse. Honeck und das Orchester reagierten spontan und deckten ihn auch schon mal gnädig zu.
Warum muss nur der arme Johann Sebastian Bach so oft als Zugabenclown herhalten? Und dann mit einem Blick, als handele es sich um eine brandneue Ausgrabung? Jan Vogler hat für seine Bach-Einspielung viel Lob geerntet. Er hätte wenigstens ein bisschen zeigen können, warum das so ist. Auch hier vollbrachte er keine Gestaltungswunder. Und nicht nur der allerletzte Ton war zu tief. Schade. Man hatte sich von Jan Vogler eigentlich etwas mehr versprochen.

Zurück zum Beginn

Mit Ludwig van Beethovens 7. Sinfonie knüpften Manfred Honeck und die Bamberger bei Tschaikowskys Polonaise an: mit unbehinderter Spielfreude. Die braucht man freilich auch, weil die Sinfonie keinen wirklich langsamen Satz hat, in dem man sich ein bisschen erholen kann. Und Honeck ging aufs Ganze: Er siedelte die Tempi am oberen Rand an. Was sich da nach den trockenen Akkordschlägen und einem geheimnisvollen Beginn entwickelte, war ein druckvolles, höchst spannendes Musizieren, das den Zuhörer nie in das gedankliche Abschweifen entließ. Schon die physische Leistung, mit der das Orchester musizierte, war höchst beachtlich, weil die Kondition bis zum Schluss reichte. Denn Honeck ließ seiner Truppe zwischen den beiden rasanten letzten Sätzen gerade Zeit zum Einatmen. Vor allem aber war es die Transparenz und Animiertheit, die trotz des enormen Drucks nicht nachließen und die in ungewöhlicher Klarheit einen revolutionären Komponisten zeigten: den Sprudelkopf Ludwig van Beethoven.