Zehn Jahre war Günter Wagner hinter Gittern. Beruflich. Als Gefängnispfarrer in Würzburg. Zur Zeit - und noch bis zum 20. August - hat der 72-Jährige einen angenehmere Aufgabe, er ist nämlich als Kurseelsorger in Bad Kissingen und Bad Bocklet tätig. Urlaubsvertretung. Im Oktober zieht es den evangelischen Geistlichen wieder als Pfarrer nach Ägypten ans Rote Meer. Der Mann ist ständig unterwegs.
Der übliche Arbeitsalltag eines Pfarrers und Kurseelsorgers ist für Günter Wagner ungewohnt. Aber seine Bad Kissinger "Chefin" Claudia Weingärtler "hat gute Vorarbeit geleistet" und ihm nach Ankunft Ende Juli einen genauen Einsatzplan auf den Tisch gelegt: Gottesdienste in der Kissinger Erlöser- und der Bockleter Johanneskirche, das "Wort in den Tag" bei den Frühkonzerten des Kurorchesters, Andachten in vier Kissinger Kliniken und Vorträge im Arkadenbau, "die alle sehr gut besucht waren", wie er feststellt.


Die Neugierde im Alter bewahrt

Bad Kissingen ist nicht sein erster Vertretungsdienst nach Eintritt in den Ruhestand, erzählt der 1943 in Marktsteft bei Kitzingen geborene Bauernsohn aus seinem abwechslungsreichen Leben. Im vergangenen Jahr war er in Bad Aibling (Oberbayern) und in Zwiesel (Niederbayern). "Das hat mir Freude gemacht." Wagner hat sich auch im Alter seine Neugier bewahrt: "Wie lebt und arbeitet eine Kirchengemeinde heute?", wollte der Geistliche wissen. "Immerhin hatte ich fast 25 Jahre etwas völlig anderes gemacht."
Zwar war Wagner seit Beginn seines Vikariats ab 1972 die ersten elf Berufsjahre als Seelsorger in drei Kirchengemeinden tätig gewesen, doch 1983 wechselte er als Religionslehrer an die Staatliche Berufsschule in Bayreuth. "Da gab es keine Taufen, Konfirmationen, Hochzeiten oder Begräbnisse."


Interesse für "die Ränder"

Auch nicht bei seiner nächsten Aufgabe: Ende 1996 wurde er Gefängnispfarrer an der gerade fertiggestellten Würzburger Justizvollzugsanstalt. Wagner hatte sich um diesen Job beworben: "Ich interessiere mich für Menschen am Rand der Gesellschaft und am Rand der Kirche, denn unser Auftrag richtet sich an alle." Von den etwa 600 Gefangenen kamen immerhin 150 zu seinen Gottesdiensten und Andachten. Ein Grund: "Es war eine willkommene Möglichkeit, aus einer Neun-Quadratmeter-Zelle raus zu kommen", meint er schmunzelnd. Die Häftlinge fanden Abstand vom Gefängnisalltag. Für seine beiden auf nur zwölf Teilnehmer begrenzte Bibelgruppen gab es sogar lange Wartelisten. Mit den Häftlingen sprach der Pfarrer über Bibelstellen, die von Mord, Diebstahl und Betrug handelten. Wagner: "Die Bibel ist ein Buch des Lebens." Seine Erfahrungen hinter Gittern haben ihn gelehrt: "Der Mensch hat sich seit biblischen Zeiten kaum verändert."


Besondere Erfahrungen

Besonders beeindruckt haben Wagner seine Beobachtungen, "wie Menschen mit ihren Lebensbrüchen leben und versuchen, ihr Leben neu zu strukturieren". Und: "Man kommt nirgends einem Menschen so nah wie im Gefängnis. Er ist nackt, er hat nichts mehr." Das Abbild unserer Gesellschaft treffe man in der Haftanstalt, vom Hilfsarbeiter bis zum Intellektuellen. Doch die Resozialisierung kommt in den Gefängnissen viel zu kurz, stellt der Geistliche in seinem Rückblick kritisch fest.
Wagner empfand seine Arbeit als Gefängnispfarrer erfüllend. Aber: "Man muss aufpassen, dass man selbst nicht ausbrennt." Deshalb bemühte er sich nach zehn Jahren Gefängnisdienst und 18 Monate vor seinem Ausscheiden in den Ruhestand um eine ganz normale Pfarrstelle: 2006 wurde er Pfarrer in Kitzingen, unweit des elterlichen Bauernhofes in Marktsteft, aus der er 2008 in den Ruhestand verabschiedet wurde.


Suche nach ruhigem Fahrwasser

Nach fünf Jahren erwachte in Wagner wieder seine Neugier auf Neues: Die Evangelische Kirche Deutschlands, die weit über hundert Auslandsgemeinden betreut, suchte ab Sommer 2014 für ein paar Monate einen Ruheständler für die deutschsprachige Christengemeinde in Hurghada am Roten Meer. "Als ich ankam, war da nichts." Auf mehreren Facebook-Seiten machte Wagner auf sich aufmerksam. Heute gehören jeweils 50 Gläubige in Hurghada, wo er Andachten mit anschließendem Gemeinschaftsessen im Haus abhält, und im nahen El Gouna zu seiner Gemeinde, wo er Gottesdienste in der koptischen Kirche zelebriert.
Der Auftrag der Evangelischen Kirche Deutschlands ist abgeschlossen. Aber Mitte Oktober geht Wagner auf eigene Kosten für sechs Monate wieder nach Hurghada. "Man mag mich dort, und ich mag das Land." Doch was dann? "Alles ist möglich." Vielleicht kommt er ja auch wieder nach Bad Kissingen? Wagner: "Bad Kissingen ist eine schöne, gepflegte Stadt mit Kultur - ein Ort, in den man gern zurückkehrt."