266 Kilometer ist der Schulweg von Fabian Paulus lang. Der 32-Jährige kommt aus Landau in der Pfalz. Ursprünglich hat er Politikwissenschaft studiert, aber: "Ich habe gemerkt, dass es nicht das ist, was ich ein Leben lang machen will." Also informierte er sich im Betrieb einer Bekannten über den Beruf des Bestatters. Mittlerweile ist er im dritten Lehrjahr, im Winter steht die Prüfung an. Jedes Jahr für mehrere Wochen muss er zur Berufsschule nach Bad Kissingen - wie viele andere der rund 1600 Schüler der Staatlichen Berufsschule in Garitz.


Aus fast allen Bundesländern

"In fast allen Klassen, die im Block beschult werden, finden sich immer wieder Schüler, die hier übernachten müssen", berichtet Schulleiterin Karin Maywald. Besonders hoch sei die Quote natürlich im Bestattungswesen, denn: Die 265 Schüler in den jes vier 10. und 11. Klassen sowie den beiden 12. Klassen kommen aus Bayern, Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Im ersten Jahr sind die Bestatter 13 Wochen an der Schule. "Die Schüler reisen zumeist am Sonntag an und fahren am Freitag nach Unterrichtsschluss wieder zurück", sagt Maywald. Sie geht davon aus, dass mehr als 22 000 Übernachtungen im Jahr durch Berufsschüler zusammen kommen. Beschult werden in Bad Kissingen zum Beispiel auch Gesundheitskaufleute aus Unter- und Oberfranken. Die drei 10. und je zwei 11. und 12. Klassen besuchen 162 Schüler. "Auch hier haben wir die meisten Schüler mit Übernachtungen", berichtet Maywald.


Vertrag mit dem Landratsamt

Eine davon ist Christin Jordan. Die 26-Jährige machte zunächst eine Ausbildung zur Physiotherapeutin, aber: "Die Praxis lag mir nicht so gut." Deshalb zog sie von Sachsen-Anhalt nach Bayreuth, um sich dort bei der Deutschen Rentenversicherung zur Kauffrau im Gesundheitswesen ausbilden zu lassen. Als Berufsschülerin aus Bayern hat Christin Jordan keine große Auswahl: Die meisten Arbeitgeber schicken ihre Azubis ins Wohnheim des Arbeitsförderzentrums (Afz) in der Bad Kissinger Schurzstraße.

"Wir haben einen Vertrag mit dem Landratsamt zur Unterbringung der bayerischen Schüler", berichtet Kerstin Mack. Sie ist Leiterin des Bereichs Hotel und Gaststätten beim Afz. Für die bayerischen Schüler ist der Afz-Campus die billigste Möglichkeit, in Bad Kissingen während des Block-Unterrichts eine Heimat auf Zeit zu bekommen. Eher symbolische 1,30 Euro bezahlen sie am Tag für Übernachtung mit Halbpension.

112 Schüler waren zum Start des neuen Schuljahres beim Afz untergebracht, 150 Betten hat das Haus insgesamt. Insgesamt kommen so im Jahr rund 15 000 Übernachtungen zusammen. Ungefähr jeder zehnte Gast sei noch minderjährig, berichtet Mack. Maywald nennt Schüler aus der Gastronomie oder dem Berufsgrundschuljahr der Schreiner als Beispiel: Das treten manche bereits mit 15 Jahren an, wenn sie dann aus Fladungen nach Bad Kissingen zur Berufsschule müssen, gehe das nur mit Übernachtung.

Dafür gibt es im Afz-Campus Sonderregeln: "Die Unter-18-Jährigen müssen zum Beispiel um 22 Uhr auf dem Zimmer sein", sagt Mack, und: "Das wird auch immer wieder stichpunktartig kontrolliert." Zudem sei die Rezeption der Einrichtung rund um die Uhr besetzt.

Wer die freie Wahl für eine Unterkunft hat, kann aus rund drei Dutzend Betrieben auswählen, die die Berufsschule auf ihrer Homepage auflistet. Dazu gehört die Jugendherberge "Heiligenhof": Nur rund 150 Übernachtungen kommen dort allerdings durch Berufsschüler zusammen, sagt Stiftungsdirektor Steffen Hörtler. Vor allem Bestatter aus dem gesamten Bundesgebiet würden durch Mund-zu-Mund-Propaganda im Heiligenhof anfragen, weil die Unterkunft besonders günstig sei: Im Schnitt nur elf Euro pro Einzelzimmer fallen an. Allerdings seien viele Anfragen zu kurzfristig. Schlechte Erfahrungen hat Hörtler bereits mehrfach mit insolventen Arbeitgeber-Betrieben gemacht. Da bleibe die Jugendherberge schnell auf einer größeren Zeche sitzen: "Eintreiben solcher Schulden ist praktisch unmöglich."


Unterbringung im Doppelzimmer

Auch wenn Fabian Paulus aus der Pfalz die freie Wahl hätte, bleibt er im Afz-Campus: "Aus meinem Betrieb waren schon mehrere hier, es passt alles, und das Essen ist gut." Problematisch seien aber die Doppelzimmer: "Es hängt viel davon ab, wie man sich mit seinem Stuben-Kollegen versteht." Den lerne man meist am ersten Schultag kennen: Die Berufszweige werden zusammen untergebracht, Männer und Frauen getrennt.

Fabian Paulus versteht sich gut mit seinem Mitbewohner. Eine gemeinsame Lerngruppe habe sich sogar daraus ergeben. Und im Laufe des Block-Unterrichts habe er auch immer mehr die Umgebung erkundet, angefangen von Kino und Bowling-Center bis in die Stadt: "Je länger man hier ist, desto mehr kriegt man mit", berichtet der Bestatter, und: "Natürlich schaut man sich auch mal auf dem Friedhof um."