Was als fröhliches Sommer-Familien-Fest die dreitägige "Summertime im Kurgarten" beenden sollte, fällt dann nicht ins Wasser, wenn man eine Wandelhalle hat. Dauerregen, der Alptraum aller Freiluftveranstalter, für die auch lange ersehnter Niederschlag immer zur Unzeit kommt, stellt die Staatsbad GmbH vor keine Probleme: Gottesdienst, Jazz Matinée vormittags und Evergreens am Nachmittag fanden auch im Saal großen Zuspruch und selbst beim Kinderprogramm im Foyer der Wandelhalle wurde niemand nass. Die Bierbänke rund um Brunnenhalle, König Ludwig-Denkmal und Drehbühne blieben jedoch im Container und die Getränke- und Eisstände im Kurgarten geschlossen.
Als hätte es Pfarrerin Claudia Weingärtler geahnt. Sie stellten den Familiengottesdienst unter das Motto "Weißt du wie viel Wolken gehen". An diesem Tag konnte sie niemand zählen, denn es gab sie einfach nicht. Aus einheitsgrauem Himmel regnete es und der Gottesdienst musste vom Kurgarten in die Wandelhalle verlegt werden. Hier allerdings fand Weingärtler ein Publikum, wie sie es sich in der Kirche nur erträumen kann. Nahezu jeder Platz war besetzt.
Eine Kissinger Gottesdienstbesucherin meinte: "Wenn die Menschen nicht zur Kirche gehen, muss die Kirche halt zu den Menschen kommen."
In der Predigt erläuterte die evangelische Theologin den Sinn des Liedes, das der evangelische Pfarrer und Dichter Wilhelm Hey 1850 in Thüringen veröffentlichte: Ihr seid nie allein, Gott weiß wer ihr seid und begleitet euch. Sehr einfühlsam begleiteten Roman Riedel mit der Posaune und Christoph Staschowsky am Flügel den Gottesdienst.


Wandelhalle wird zum Jazzkeller

Wohl dem, der eine als Freiluftveranstaltung geplante Jazzmatinée mir nichts, dir nichts in den Saal verlegen kann. Das Open-Air-Konzert wurde einfach zu einer Jazzkeller Session. "Wohl dem, der eine Wandelhalle und ein Kurorchester hat", meinte Klaus Stebani vom Förderverein des Kurorchesters. Waren beim Gottesdienst einzelne Plätze frei geblieben, gab es jetzt nur noch Stehplätze.
Und ob die Musiker im Freien, wenn das Publikum unter den Bäumen im Kurpark lustwandelt, so viel Aufmerksamkeit gefunden hätten, darüber darf spekuliert werden. Jedenfalls lief das Kurorchester im schwarzen Hemd mit gelber Krawatte auch als Jazzformation zu großer Form auf. Die Notenpulttücher mit dem etwas verstaubten Kurorchesterlogo werden weggeräumt, wenn Samba und Dixie auf dem Pult liegen und man spielt, wie's halt beim Jazzfrühschoppen so üblich ist, im Stehen. Aber mal eben locker flockig ein wenig Jazz gemacht, das ist nicht der Anspruch der Musiker und des Publikums. Also wurde "How High the Moon", Benny Goodmans Evergreen, mit vier Saxophonen gespielt, Soli von Piano und Drummer inbegriffen.
Trompeter Reinhold Roth sagt nicht nur humorvoll die Stücke an, wenn er - etwa zusammen mit Posaunist Roman Riedel - sich eine Samba vornimmt, dann grooven die beiden wie es in einer Kellerbar in Rio nicht intensiver zu hören ist. Mit "Lullaby of Broadway" unternimmt die Formation einen höchst schmissigen Ausflug nach Ney York und landet, stürmisch mitgeklatscht vom Publikum "Down by the Riverside" an den Ufern des Jordans im Gospelland. Duke Ellingtons Jazz Standards animierten einige Besucher zu einem kleinen Tänzchen im Seitengang, doch da war es schon nach 12 Uhr und in den Hotels und Zuhause wartete das Mittagessen.


Andrang beim Kinderschminken

Das Kinderprogramm mit Hüpfburg, Glücksrad, und weiteren Spielen die die Stadtjugendarbeit angeboten hatte, litt unter dem Dauerregen, aber der Stand an dem die Rosenprinzessin Ramona Seufert die Kinder zu Spiderman, Löwen oder Katzen schminkte, war gut frequentiert.
Es steht zu vermuten, dass der schwungvolle Dixie und Jazz am Vormittag viele Besucher auch zum nachmittäglichen Rock 'n' Roll & Evergreen Auftritt des Kurorchesters animiert hat. Diesmal mit roter Krawatte spielten sie Hits bei denen jeder mitsummen und sich im Takt wiegen konnte.
Vom "Yellow River" über zu Stevie Wonder zu Bill Haley, den Beatles und Abba. Bemerkenswert, wie es der kleinen Formation mit elf Musikern ohne Streicher-Formation gelang, den großen und ganz eigenen Sound eines Billy Vaughn nur mit Bläsern und der E-Geige von Lidia Shlapik ganz seidig und weich bis in die hintersten Reihen der Wandelhalle zu zaubern. Dafür und für die gesamte Performance gab's Riesenapplaus und strahlende Gesichter beim Orchester, das den verregneten "Summertime Sonntag" fast ganz alleine "gerettet" hat. Besucherin Lydia Markert aus Marburg: "Da hätte ich noch eine Stunde zuhören können".