Wenn stumme Zeugen sprechen könnten, hätte das Haus in der Rhönstraße 1 am Rande des Bonifatiusplatzes an der Abzweigung in Richtung Seubrigshausen in Großwenkheim eine ganze Menge zu erzählen. Stefan Balling hat die Fassade renoviert und das altehrwürdige Fachwerkhaus ist ein echter Blickfang geworden.
Deutlich erkennbar ist das Baujahr 1602 über dem Hofeingang und an einem der Balken des Fachwerks. "Man muss das Wohnen in einem solch alten Haus lieben", sagt Balling. Er hat das Gebäude 1987 von Reiner Freibott erworben. Balling wohnte damals zur Miete, wollte eine Familie gründen und im Ort bleiben, da er sehr heimatverbunden ist. Das Fachwerk, das Alter des Hauses, der Kaufpreis und die zentrale Lage in der Ortsmitte nennt der Vater zweier Töchter als besondere Anreizpunkte für den Kauf.

Fünf Zimmer auf drei Etagen

Das Wohnen in einem mehr als 400 Jahre alten Gebäude bringe Vor- und Nachteile. Zwei Nachteile hebt Balling besonders hervor: die permanenten Renovierungsmaßnahmen und die geringe Grundfläche von rund 42 Quadratmeter. So sind die fünf Zimmer und die Küche auf zwei Stockwerke und das ausgebaute Dachgeschoss verteilt. Die Wände bestehen, der früheren Bauweise entsprechend, aus Fachwerk und Lehm. Alle Zimmer haben unterschiedliche Höhen und sind nicht auf einer Ebene. "Die wurden der Höhe des Kellers angepasst", vermutet Balling.
Der Keller, gut geeignet zum Lagern von Früchten und Kartoffeln, ist nur etwa 120 Zentimeter hoch. Das ist viel zu niedrig, um aufrecht stehen zu können. Eben ein Kriechkeller.

Beton statt Holzbalken

Die nur zwischen 180 und 190 Zentimeter hohen Zimmertüren hat der Vorbesitzer "größtenteils aufwändig dem Ursprungszustand nachgeahmt."
Bei Renovierungsarbeiten ist Balling auch auf unvorhergesehene Hindernisse gestoßen. So diente ein Balken für die gesamte Front als Fundament. Der inzwischen morsche Naturbaustoff musste durch ein Betonfundament ersetzt werden. "Die Mühen und der Einsatz lohnen sich aber immer wieder", sagt Balling. Allein durch den markanten Anblick werde er entschädigt. 1995 hat er das Dach neu eingedeckt und isoliert.
"Es ist ein zeitloses Wohnen", so Balling. Bauweisen und -stile hätten sich immer wieder geändert. Fachwerke sähen aber immer gleich aus, blieben aktuell und markant. Und trotz des hohen Alters hätten die Erbauer vor über 400 Jahren für die heutige Zeit weit reichende und wichtige Dinge ausgeführt. Durch die Lehmbauweise sei das Haus im Sommer relativ kühl und es herrsche ein gesundes Raumklima, da die Wände atmen könnten. Die Mischung aus Lehm und Stroh erweise sich als ideales Dämmmaterial und werde auch immer beliebter. Der Aufwand sei, so Balling, aber vielen Leuten einfach zu groß.

Der Erbauer ist unbekannt

Der Werbetechniker hat sich 2006 selbstständig gemacht und seine Firma Schrift & Design im gegenüberliegenden Haus, in dem früher ein Geldinstitut eine Filiale hatte, eröffnet. Seit 2011 ist die Firma in einem Anbau am eigenen Haus untergebracht.
Das Haus gehört zu den drei ältesten und wegen seines Fachwerks besonders sehenswerten Gebäuden in Großwenkheim. Bis ins 19. Jahrhundert lassen sich die Besitzer nachvollziehen. Wer das für die damalige Zeit aufwändige und repräsentative Haus errichten ließ, ist nicht bekannt. Vermutlich ließ es Michael Christ, Abt des nahegelegenen Zisterzienserklosters Bildhauen von 1581 bis 1618, errichten. In unmittelbarer Nähe, in der Baumgartentorstraße, steht ein ähnliches Haus, das Abt Michael im Jahre 1600 für seinen Kammerdiener erbauen ließ.