Es ist fast still auf dem Friedhof. Nur die Kirchenglocken läuten. Yvonne Hergenröder blickt kurz auf die Uhr. Es ist dreiviertel neun. Viel Zeit bleibt nicht mehr, dann kommen die ersten Trauergäste. Sie und ihr Mann sind dabei, die Leichenhalle für eine Beerdigung herzurichten. Keine große Sache? Falsch. Da reicht es nicht aus, einfach nur den Sarg oder die Urne hinzustellen. Da müssen zahlreiche Dinge erledigt werden, unter anderem die zahlreichen Blumengestecke arrangiert, die Kondolenzbücher und Trauerkärtchen bereitgelegt und die Kerzen angezündet werden. "Wir sind schon seit kurz nach 7 Uhr hier", sagt Heiko Hergenröther und rückt die mannshohen Kerzenständer in Position. "Diese Arbeit, das Dekorieren und Arrangieren, mag ich am liebsten", sagt seine Frau und lässt ihren Blick über ihr Werk in der Leichenhalle schweifen.


Seiteneinsteigerin

Dabei wollte die 40-Jährige ursprünglich gar nichts mit den Bestattungen zu tun haben, die ihr Mann traditionell früher als Schreiner erledigt hat. "Doch irgendwie bin ich da hineingewachsen", erzählt sie. Was den Ausschlag dazu gegeben hat, weiß die gelernte Friseurin heute nicht mehr. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal sage, das ist ein schöner Beruf." Schließlich lasse sich das Bestatten heute nicht mehr nur auf das klassische Beerdigen oder die Rolle des Totengräbers reduzieren. "Nur etwa zehn Prozent macht die Arbeit an den Toten aus", sagt sie. Der Rest ist Seelsorge, Organisation und Dienstleistung. Dinge, die sie gerne macht. "Denn viele sind überfordert, wenn ein nahestehender Angehöriger gestorben ist, wissen nicht, was zu tun ist."

Weil das Thema Tod und Sterben heute nicht mehr so präsent ist wie früher. Weil viele sich keine Gedanken machen und keine Absprachen oder Vorkehrungen treffen. Weil sich auch die Totenkultur geändert hat.


Verschiedene Zeremonien

Noch vor wenigen Jahrzehnten gab es verschiedenen Zeremonien, wenn jemand gestorben war. "Da wurden die Toten beispielsweise noch zu Hause aufgebahrt und Totenwachen gehalten", erzählt Yvonne Hergenröder. Heute findet so etwas gar nicht mehr statt, ebenso das Präsentieren des Toten im offenen Sarg. "Nur noch ganz wenige wollen noch einen Blick auf den Verstorbenen werfen", sagt sie. Manchmal sei es auch besser, den Sarg zuzulassen, nach langer Krankheit etwa oder nach einem Unfall, um den Toten in guter Erinnerung zu behalten.

Zudem werden seit etwa zwei Jahrzehnten immer mehr Verstorbene eingeäschert. Nicht zuletzt, da die Böden auf den Friedhöfen gesättigt sind, die Verwesung dort nicht mehr so optimal abläuft. Andere wiederum haben kaum Angehörige oder Kinder vor Ort, wollen mit ihrem Grab nicht zur Last fallen. "Deshalb sind Urnenbestattungen im Ruheforst, in Urnenwändenn oder auf hoher See immer mehr im Kommen," weiß sie.

Ihr Wissen und Können hat sich Yvonne Hergenröder Stück für Stück angeeignet. "Natürlich habe ich auch Kurse im Ausbildungszentrum für Bestatter in Münnerstadt besucht und meinen Mann oft begleitet", sagt sie. Dennoch mache sie vieles intuitiv, auch wenn die Abläufe eigentlich geregelt sind.


Routine gibt es nicht

Denn ein Patentrezept oder Routine für ihre Arbeit gibt es nicht, dazu sei die Trauer viel zu individuell. "Jeder trauert anders", sagt sie. Der eine laut, der andere leise, wieder andere sind zu Tode betrübt, verfallen in Lethargie. Wichtig sei immer, dass jemand da ist, der sich um alles kümmert, behilflich ist. Etwa die Art der Bestattung in Erfahrung bringt, Anträge stellt, die Traueranzeige zusammenstellt und bei der Zeitung in Auftrag gibt, Blumen, Musik und den Tröster organisiert, das Motiv für das Sterbebild aussucht. Eine Arbeit, die beiden nützt: dem Trauernden, der entlastet oder an die Hand genommen wird und Yvonne Hergenröder, die bei all dem ihre Kreativität und ihr Organisationstalent ausleben kann.


Alles soll perfekt sein

Erneut hält ein Auto vor dem Friedhof in Riedenberg. Ein Gärtner bringt weitere Gestecke. Zwei Stück, auch sie müssen noch platziert werden. "Ich gehe und hole etwas Stoff", sagt Yvonne Hergenröder zu ihrem Mann. Der verschwindet derweil hinter einer Tür und holt hölzerne Stufen hervor. Diese legt er unter die beiden Blumenarrangements, so dass sie nicht mehr einfach so hingestellt wirken, sondern sich schräg in das Arrangement einfügen. Schon ist seine Frau mit einem Stück weinroten Stoff da, drapiert es mit ein paar Handgriffen um die nun schräg stehenden Gestecke herum. Fertig? Noch nicht ganz. Heiko Hergenröder öffnet kurz die Tür und greift nach einem Besen. Er fegt herabgefallene Blätter, Steinchen und Erdkrümel zur Seite. Schließlich soll letzten Endes alles perfekt sein.