Es gibt sie durchaus, diese Menschen, die es nicht ertragen, wenn das Verhältnis zu jemandem, den sie lieben, zur Selbstverständlichkeit zu werden droht. Die immer wieder sticheln, verletzen, provozieren, um sich immer wieder die Rückmeldung zu holen, dass der/die Andere sie noch liebt.

Kommt zu dieser Zerstörungslust eine Situation hinzu, bei der die Partnerin gerade jemanden getroffen hat, von dem er weiß, dass sie ihn, in diesem Fall als Starschriftsteller, verehrt. Und macht eine ausgezeichnete Personenregie es auch von vornherein den Zuschauern klar, dass sie nach dieser Begegnung höchst erregt ist, dann ist der Ausgangspunkt des Beziehungsdramas "Unwiderstehlich" von Fabrice Roger-Lacan durchaus nachvollziehbar.


Charismatisch und notorisch

Als "unwiderstehlich" bezeichnen beide Partner in diesem Zweipersonenstück den charismatischen Autor und notorischen Schürzenjäger, mit dem "Sie", so wird sie im Stücktext genannt, als dessen Verlagslektorin jenes Gespräch hatte, von dem sie überaus animiert zu ihrem wartenden Gatten in die State-of-the-Art-Maisonette-Wohnung zurückkehrt. "Er" formuliert gerade an seinem Plädoyer herum, soll er doch am nächsten Morgen einen Mexikaner verteidigen, der seine Frau getötet und danach verspeist hat.

Mit der gnadenlosen Beharrlichkeit eines Strafverteidigers seziert er aber nicht nur seinen Fall, sondern auch die Beweggründe seiner Frau, die sie veranlasst haben könnten, die Essenseinladung des bewunderten Mannes nicht anzunehmen. Er weist all ihre Liebeserklärungen an den Partner, ihre Beschwichtigungen und Erinnerungen an ihr glückliches gemeinsames Leben zurück und erinnert in seiner unbarmherzigen Selbst- und Partnerquälerei an Shakespeares Othello, den das "grünäugige Monster" Eifersucht auch unfähig macht, auch nur einen Grund für die Unschuld seiner Desdemona zuzulassen. Othello bringt seine geliebte Frau um.


Rätsel für Zuschauer

"Er" zwingt "Sie", zur Faszination des Schriftstellers für sie zu stehen und zerstört damit ihre langjährige Beziehung. Was sich wie ein Ende anhört, ist aber nur das Ende des ersten Teils des Dramas. Und er hinterließ durchaus einige Zuschauer ratlos oder rätselratend, wie das nun ausgehen würde.

Denn natürlich gibt es eine Wiederbegegnung, natürlich geht das Wortgefecht weiter, und vom Autor werden ganz raffiniert parallele Bezüge zum ersten Teil geschaffen. Und es werden viele Fäden aufgegriffen, die der erste Teil ausgelegt hat. "Unwiderstehlich" ist ein sorgfältig konstruiertes Theaterstück, das einen ebenso kruden wie auch absurden Schluss nicht scheut. Es ist ein ungewöhnliches Stück und entspricht vielen Vorurteilen über ein "typisch französisches" Drama, denn es geht um Liebe, ihr euphorisches und zerstörerisches Potenzial. Und es geht um Beziehungen, die Unfreiheit, die sie mit sich bringen und die Bedrohungen, denen sie ständig ausgesetzt sind. Das ist eigentlich eine quälende Angelegenheit, die an die grüblerischen Skandinavier wie Ibsen und Strindberg erinnert, stellt man sie auf die Bühne.

Es ist das Verdienst des Autors, daraus ein Kammerspiel mit sehr viel Spannung und auch witzigen Situationen gemacht zu haben. Und es ist das Verdienst des Leitungsteams der Produktion vom Berliner Renaissancetheater, dieses auch zu einem spannenden Theaterabend gemacht zu haben.


Bis ins kleinste Detail durchdacht

Momme Röhrbeins Bühne war bis zum kleinsten Detail durchdacht und fast filmrealistisch, ein Guckkasten in die französische Intellektuellenwelt des 21. Jahrhunderts, mit all den Gadgets wie Fahrrad, Küchenbar und Laptop. Die Musik von Martin Vonk und Jaap de Weijer ("Het Paleis van Boem") beweist ihre Herkunft von der Filmmusik, schafft und interpretiert Stimmungen dezent im Hintergrund oder zwischen den Stückteilen. Man merkt, dass die Musiker schon häufig mit dem Regisseur der Produktion, Antoine Uitdehaag, zusammengearbeitet haben. Denn ihr Sound macht diese zu einem geschlossenen Ganzen trotz der Zerrissenheit der Charaktere und der Unfassbarkeit der menschlichen Zerstörungswut, die sich da auf der psychischen Ebene abspielt.
Dieses Schwanken von einer unverbrüchlich scheinenden in eine ständig bedrohte Beziehung machten die beiden Hauptdarsteller in der Regie von Uitdehaag absolut plausibel. Da wirkten jeder Gang, jede Sexszene, jedes Rückzugsgefecht und jedes Einlenken absolut sinnvoll, wurde innere Handlung in Bewegung und Gestik auf der Bühne übersetzt. Das reine Dialogstück erhielt so die Körperlichkeit eines Boxkampfes, mit all seinen Angriffen und Finten und Niederschlägen, und wurde dadurch mitreißend und spannend.


Ausgezeichnete Schauspieler

Bewerkstelligt wurde das natürlich durch die beiden ausgezeichneten Schauspieler. Beiden gelang es, ihre Psyche voll durch ihre Körpersprache zu vermitteln: Anika Mauer merkte der Beobachter von Anfang an an, dass sie in großer sexueller Erregung von ihrem Gespräch mit dem Autor zurückkam, und dass sie nach der Zeit der Trennung ihren alten Partner auch mit anderen Absichten trifft, als sie vorgibt.

Mit ganz subtiler Mimik wechselt sie vom Opfer zur entschlossenen Akteurin. Boris Aljinovic begibt sich nach dem Verfassen seines Plädoyers sofort in den Anwaltsmodus, aggressiv und ohne Rücksicht auf seine eigentlichen Gefühle und lässt diese sehr vorsichtig und voller Angst vor Verletzungen wieder die Oberhand gewinnen bei der erneuten Begegnung.


Unfreiwillige Schlusspointe

So ist dieses Stück ganz sicherlich ein ausgezeichnetes Futter für großartige Schauspieler, es hat innere Spannung und das Potenzial zu einem Leckerbissen der Schauspielkunst trotz kleinerer Zumutungen im Bereich der Wahrscheinlichkeit und einem in den Bereich des Absurden abdriftenden Schluss.

Für große Heiterkeit im Publikum sorgte die unfreiwillige Schlusspointe; als die beiden in Dessous auf den Schlusspunkt warteten, musste Aljoinovic erst zum Publikum und in die Kulisse sagen: "Jetzt sollte eigentlich der Vorhang kommen!", bis der dann wirklich kam und den beiden großartigen Mimen den verdienten heftigen und langen Schlussapplaus bescherte.