Es ist kalt. Es ist dunkel. Doch ich muss aus dem warmen Auto raus - zum Termin. Frösche werden am Windheimer See eingesammelt, und ich soll darüber berichten. Auf Wunsch der Chefin. Als ob noch nicht genug darüber geschrieben worden wäre.Und anfassen soll ich die Dinger auch noch. Danke, Chefin! Ich habe nämlich noch nie einen Frosch oder eine Kröte angelangt. Warum auch. Ehrlich, mir ist ganz schön mulmig zumute. Wie sich das wohl anfühlt?

Am Treffpunkt herrscht absolute Dunkelheit. Es dauert etwas, bis ich mich zurechtfinde. Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts zwei Lichter auf der anderen Straßenseite auf, die sich bewegen. Das wird wohl mein Gesprächspartner, Marc Baumgart aus Bad Bocklet, sein. Vorsichtig gehe ich auf ihn zu. Ich könnte ja auf eine Kröte oder ähnliches treten. Glücklicherweise habe ich mein Handy dabei, so dass ich den Weg etwas ausleuchten kann. Auf eine Kröte trete ich nicht. Weit und breit ist keine zu sehen. Ich bin erleichtert.

Es folgt eine unkomplizierte Begrüßung, bei der ich eine Warnweste und eine Taschenlampe erhalte. "Bleiben Sie vom Bankett weg, dort ist es besonders gefährlich, wegen des Sogs der vorbeifahrenden Fahrzeuge", sagt der 47-Jährige. Okay, denke ich mir und streife die Warnweste über. Dabei habe ich ganz andere Probleme: Muss ich einen Frosch anfassen? Schnell schiebe ich den Gedanken beiseite, denn ein Auto naht.

Es rauscht und bläst fürchterlich, als der Wagen an uns vorüberbraust. Die vorgeschriebenen 50 Stundenkilometer hat dieser Fahrer bestimmt nicht eingehalten. Daraufhin erklärt mein Begleiter, dass hohe Geschwindigkeiten für Amphibien besonders gefährlich sind. Der Druck, der von den vorbeifahrenden Fahrzeugen ausgeht, bewirke, dass die inneren Organe platzen und das Tier elend zugrunde geht. Doch genau das wollen wir heute verhindern.

Zunächst prüft Baumgart die Temperatur. Dafür hat er ein Thermometer in Erdnähe platziert. "Ich glaube, heute wird das nichts. Es ist mit sechs Grad Celcius eindeutig zu kalt", stellt er nüchtern fest. Zudem vermutet der Naturschützer, dass es Nachtfrost geben könnte. Dennoch greift er zum Eimer und läuft Richtung Amphibienzaun. Etwa 200 Meter davon betreut der Lehrer für Maschinenbau entlang der Kreisstraße 22, die den Buschgraben vom Windheimer See trennt. An manchen Tagen findet er hier bis zu 30 Tiere, aufs Jahr gerechnet können es zwischen 250 und 500 sein, die an dieser Stelle die Straße wechseln. Zwar gibt es einen großen Amphibientunnel, der unter der Straße verläuft. Doch nicht alle Frösche und Kröten nutzen ihn.

Heute wird schon nach wenigen Metern klar: Baumgart hat recht. Es ist zu kalt. Deshalb sind auch kaum Amphibien unterwegs. Lediglich einen Bergmolch, einen Teichfrosch und eine Erdkröte liest der gebürtige Garitzer am Schutzzaun auf. Er setzt die Tiere behutsam in seinen Eimer, dann gehen wir über die Straße zum See. Außer unseren Schritten ist nichts zu hören. Kein Quaken, wie man denkt. "Wenn das ertönt, ist die Krötenwanderung längst vorbei", erklärt der Fachmann.

An einer seichten Stelle geht er in die Hocke, setzt seine Fundstücke behutsam mit der Hand ins Wasser. Es dauert nicht lange, dann sind der Frosch, die Kröte und auch der Molch verschwunden. Ich bin erleichtert, denn ich brauchte die Tiere nicht anzufassen. Doch zu früh gefreut! Auf dem Weg zurück queren wir die Straße erneut. Sitzt doch mittendrin ein Frosch. Schnell holt Baumgart das Tier. Dann nimmt er meine Hand und legt sie um das Tier herum. Ich spüre Kälte, Feuchtigkeit und ein wild klopfendes Herz. Von Ekel keine Spur. Stattdessen durchströmt mich ein echtes Glücksgefühl. "Wow, ist das toll", denke ich. Gut gelaunt fahre ich schließlich nach Hause. Und kalt ist mir auch nicht mehr. Danke, Chefin!