"104 Jahre, dennoch kein bisschen alt und daher eine technische Schönheit ganz besonderer Art" so könnte man in nur einem Satz den Wasser-Spreng-Wagen beschreiben, der heuer wieder beim Rakocyfestzug zu sehen ist.
Vor über hundert Jahren, um genau zu sein, 1912 wurde der von den Verinigten Fahrzeugwerken Cassel gefertigte Spreng-Wagen von der staatlichen Kurverwaltung Bad Kissingen angeschafft. Hauptaufgabe war damals die Bewässerung der Promenadenwege, damit sich die vornehmen Kurgäste beim Flanieren nicht einstauben, sowie das Gießen der Beete rechts und links der Wege.
So wurde schon damals viel "Hirnschmalz" in die Technik investiert: Mit fünf Fußtasten kann und konnte der auf dem Kutschbock sitzende Bediener vier seitlich angebrachte Düsen und eine im Heck einzeln "ansteuern" und so bis zu einer Breite von maximal 7,40 Meter Wasser versprühen. Kam ihm jemand entgegen, oder überholte er Fußgänger, war es so ein Leichtes, die jeweilige Seite bis zum Passieren vom Wassersprühen auszusparen - flanierende Kurgäste hatten damals uneingeschränkte Vorfahrt...!


50 Jahre im Einsatz

Der Wasser-Spreng-Wagen (WSW), der auch von einem Traktor gezogen werden konnte, war gut 50 Jahre in Bad Kissingen im Einsatz, wurde in den siebziger Jahren ausgemustert und an einen heimischen Sammler verkauft. Nach rund 20 Jahren Standzeit wurde das historische Vehikel erstmals ausgeliehen und durfte am Rakocyumzug teilnehmen. 2006 wurde der Wagen dann vom Rakocy-Förderverein gekauft und fährt seitdem regelmäßig zur Gaudi der Zuschauer mit, denn nicht immer tritt der Kutscher rechtzeitig in die Pedale wenn ihm ein übereifriger Zuschauer oder Fotograf zu nahe kommt.
Jedoch, der WSW war technisch und optisch in einem bedauernswerten Zustand, so dass der Förderverein ernsthaft überlegte: verschrotten oder komplett überholen. Im Oktober 2014 fiel dann die Entscheidung und Peter Krug, der Vorsitzende des Fördervereins bat Jürgen Sand sich um die Generalüberholung des historischen Wasser-Wagens zu kümmern.
Im Hinblick auf die begrenzten Finanzmittel des Vereins sollte möglichst viel ehrenamtliche Arbeitsleistung erbracht werden. Mit Rudolf Bamberg, Harald Dees, Lothar Hoffmann, Reinhard Sell, Bruno Weigand und Martin Wölke fanden Krug und Sand auch Männer, die den Daumen an der richtigen Stelle haben, die zupacken können, oder die zumindest wussten, wer welche Arbeiten auch bezahlbar ausführen konnte.
So war nicht nur die Liste der zu erledigenden Arbeiten sehr lang, das Fahrzeug wurde bis auf das Fahrgestell in seine über 150 Einzelteile zerlegt und in Ermangelung von Plänen wurde jeder Arbeitsschritt ausführlich im Foto dokumentiert. Da stand auch, innerhalb der zweijährigen Arbeitsphase, dreimal ein jeweils kompletter Umzug in andere Unterstellhallen an.
Während Holz-, Sandstrahl- und anschließende Lackierarbeiten weitgehend in Eigenregie durch die acht Männer bewerkstelligt wurden, erwies sich der 2000 Liter fassende Wassertank als inzwischen so marode und angerostet, dass er komplett neu gefertigt werden musste. Und nachdem der neue Tank noch offen war, verpasste man ihm im Inneren eine lebensmittelgeeignete Farbe. "Nicht weil wir mit Bier oder Wein damit beim Rakoczy-Fest die Zuschauer erfreuen wollen, sondern nun können wir unterwegs sogar die Zugtiere tränken", so ein überaus stolzer Vorsitzender. Der "Antrieb" erfolgt wie eh und je durch zwei kräftige Pferde.


1200 Arbeitsstunden

Auf 1200 Arbeitsstunden ehrenamtlicher Arbeitsleistung kommen die Männer für die Generalsanierung, über 18 000 Euro waren für erforderliche Zukäufe und Fremdleistungen nötig. So musste nicht nur ein neuer, originalgetreuer Tank geschweißt werden, so gut wie alle Schrauben und Muttern mussten, nach zum Teil mühseligem Lösen, ersetzt werden, da diese Gewindegrößen heute nicht mehr erhältlich sind.
Neben den Firmen Tankbau Heidelmeier (Bad Brückenau), Ress-Kutschen (Schwebheim), Schreinerei Peter Krug (Bad Kissingen) bedankt sich das Projektteam vor allem bei der Freiwilligen Feuerwehr Bad Kissingen, dem Servicebetrieb-Bauhof, sowie den Mitarbeitern der Kläranlage Bad Kissingen, die mit Rat und Tat, vor allem auch beim Umzug des Wasser-Spreng-Wagens beteiligt waren. "Jetzt haben wir einen WSW, der technisch und optisch wieder in einem hervorrgenden Zustand ist und bei sachgemäßer Verwendung in den nächsten 25 Jahren nur geringen Wartungsaufwand verursachen wird" sind sich Fördervereins Vorsitzender Peter Krug und Projektleiter Jürgen Sand sicher.


Stempel vom TÜV

Den "offiziellen Stempel" gab es bei der ersten Vorstellung des in den Originalfarben Rot und Dunkelgrün gehaltenen Fahrzeugs auch gleich von amtlicher Stelle: Ein TÜV-Beamter nahm das Fahrzeug ab und bescheinigte ihm volle Verkehrstauglichkeit.