Oberwildflecken, bei allen Einheimischen ausschließlich "die Muna" genannt, ist ein junger Ort, der bislang keinen echten Dorfplatz, kein wirkliches Ortszentrum besessen hat. Das ist ab sofort völlig anders. Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann hat nicht nur die neu gebaute Oberwildfleckener Kapelle geweiht, sondern auch den direkt daneben errichteten neuen Pfarrer-Otto-Denk-Platz gesegnet.
"Dieses Haus lädt uns ein auch zum persönlichen Gebet. Zum Miteinander in Leid und Freude", sagte Bischof Hofmann. "Die neue Kapelle ist den heutigen Verhältnissen angepasst. Wir können diese festliche Einweihung aber nicht vornehmen, ohne des bei den Abrissarbeiten der alten Kirche durch ein herabstürzendes Mauerteil getöteten Florian Kerscher zu gedenken."
Schon bei der Errichtung der ehemaligen Oberwildfleckener Kirche hatte es einen tragischen Todesfall gegeben. Im September 1965 war Rudolf Vorndran bei den Bauarbeiten verunglückt. An beide Todesopfer erinnert ein Gedenkstein in der neuen Kapelle.


Dieses Gut nicht vergessen

"Sicherlich stellt sich auch mancher von hier die Frage: Brauchen wir denn überhaupt noch neue Kirchen? Ist denn der Rückgang der praktizierenden Christen so groß, dass wir schon das Ende der Fahnenstange absehen können? Nein, das ist nicht so", sagte der Bischof. "Ich erzähle öfters bei Diskussionen, dass an jedem Sonntag viermal so viele Menschen in unsere Kirchen gehen, als alle Fußballstadien Deutschlands fassen könnten. Viermal so viel jeden Sonntag. Das ist eine gewaltige Zahl von Menschen, die sich vom Evangelium ansprechen lassen und das Wort Gottes hören wollen." Und weiter: "Was wäre unser Land ohne das christliche Menschenbild? Wir dürfen dieses Gut nicht einfach vergessen. Wir müssen uns wieder unserer Wurzeln besinnen. Daher müssen wir auch wieder Kirchen bauen, auch in unserer Zeit."
Die Menschen brauchten einen heiligen Ort, so Bischof Hofmann. Ein Dorf ohne Kirche sei eine Ansammlung von Häusern, ein Ort mit Kirche sei ein Gemeinschaftsort. "Die neue Kirche soll wieder der Ort werden, an dem sich die Menschen versammeln."
Bischof Hofmann ging auf die Details des oktagonalen Kapellenbaus ein. "Die Zahl Acht hat eine besondere Bedeutung, gerade bei Taufkapellen. Wir brauchen diese Kirche als Nahtstelle zwischen Himmel und Erde." Menschen bräuchten einen Ort der Ruhe und des Gebets, um im Alltag wieder ihren Aufgaben nachgehen zu können. Ein echtes Kirchweihfest ist laut Bischof Hofmann eine echte Seltenheit geworden. "Wir haben hier im Bistum Würzburg etwa 1100 Kirchen und Kapellen. Das ist schon eine gewaltige Zahl. Und die allermeisten Kirchen sind in einem guten Zustand."


Altes Gotteshaus geschlossen

Nach dem Abzug der Bundeswehr im Jahr 1995 aus der Oberwildfleckener Rhönkaserne war das alte Gotteshaus für den kleinen Ortsteil viel zu groß geworden. Nach jahrelangen Überlegungen hatten sich Kirchenverwaltung und Pfarrgemeinderat 2011 auch aus bautechnischen Gründen entschieden, das überdimensionierte Gotteshaus zu schließen. Die enormen Heizkosten, die im Rhöner Winter ins Uferlose gingen, und erhebliche Renovierungsmaßnahmen, die nötig geworden waren, waren schließlich die Hauptgründe, dass die Kirche schon seit 2005 in den Wintermonaten geschlossen wurde.


Unzumutbare Zustände

Seit dieser Zeit wurden die Gottesdienste im nahe gelegenen ehemaligen Schulungsraum der "Euroschulen" gefeiert. Das Gebäude befand sich im Eigentum der Gemeinde und wurde von der Kirche in den Wintermonaten angemietet. Auf diese schwierigen, nicht länger zumutbaren Umstände wurde Bischof Hofmann 2008 bei seinem Besuch der Pfarreiengemeinschaft Oberer Sinngrund von Vertretern der Kirche und 2011 von Landrat Thomas Bold sowie bei einer offiziellen Gemeindebesichtigung vom damaligen Bürgermeister Alfred Schrenk und der ehemaligen Gemeindereferentin Claudia Annon eingehend informiert.
Schnell wurde klar, so konnte es nicht mehr weitergehen. Die am Ende sanierungsbedürftige Kirche "Sankt Kilian und Sankt Jakobus" war im Jahr 1966 vom damaligen Weihbischof Alfons Kempf geweiht worden und wurde 2014 nach vielen Monaten Leerstand abgerissen.
Die beiden Kirchenpatrone bleiben der neuen Kapelle erhalten. Bischof Hofmann setzte am Sonntag die Reliquien feierlich in den neuen Altar ein. Die bisherigen Kirchenglocken, die "Sankt Kilian", "Sankt Jakobus", "Sankt Josef" und der "Jungfrau Maria" geweiht sind, sind ebenfalls wieder zur Verwendung gekommen, so wie viele andere Gegenstände aus der ehemaligen Kirche auch, die allerdings teilweise verkleinert werden mussten.


Offener Glockenturm

Der neue Glockenturm ist eine vollkommen offene Stahlkonstruktion mit neun Metern Höhe und einer Grundfläche von 1,7 auf 1,7 Meter. Die Glocken sind sichtbar übereinander im Innern des Stahlturmes aufgehängt. Eine der Glocken stammt aus der Kirche der abgesiedelten Ortschaft Reußendorf. Eine weitere war vom Unternehmer Anton Kunert gestiftet worden. Gegossen wurden sie in der Glockengießerei Rudolf Perner in Passau. Die Glocken klingen zwar wieder, aber sie schwingen nicht mehr. Denn sie werden von innen mit einem modernen Schlagwerk zum Klingen gebracht.