Alfons Wiesler kam 1972 als Religionslehrer an die Berufsschule Bad Kissingen, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1994 als Studiendirektor tätig war. Gleichzeitig war er mit der Seelsorge der Nüdlinger Filialgemeinde Haard betraut, die er bis 2005, also 33 Jahre lang betreute.


Sehr bescheiden

Der geschätzte Geistliche ist seit dieser Zeit mit den Gläubigen, die er auf ihren Lebensweg begleitete, eng verwachsen. Nach seiner Pensionierung half er immer wieder bereitwillig aus, um in Haard die Messe zu feiern und den jeweiligen Nüdlinger Pfarrer zu entlasten, bis die Beschwerden des Alters ihren Tribut forderten. Mit seiner nahezu übertriebenen Bescheidenheit lehnt Wiesler jeden Trubel um seine Person ab, verzichtet konsequent auf Geschenke und Ehrungen. Der 86-jährige Geistliche verbringt seinen Lebensabend in Bad Kissingen. Wiesler wurde am 1. Oktober 1929 in Machtilshausen geboren und nach dem Theologiestudium am 22. Juli 1956 von Bischof Julius Döpfner in Würzburg zum Priester geweiht. Er wirkte als Kaplan in Ochsenfurt, Kirchlauter und Schweinfurt. 1963 wurde er zum Kuratus in Würzburg-Heiliggeist ernannt. 1967 bis 1972 fungierte er als Domvikar und Diözesan-Jugendseelsorger. Priester zu sein war für ihn nicht nur Beruf, sondern aus ganzem Herzen Berufung. Vor allem seine Predigten, bei denen er die Zuhörer geistig fordert(e), gehören zu seinen großen Stärken. Hierbei kommt der Bibelkenner und Theologe zum Vorschein. So zog er Sonntag für Sonntag nicht nur die Haarder Bürger, sondern auch Gläubige aus den umliegenden Dörfern in die Sankt Bartholomäuskirche nach Haard zum Gottesdienst. Bewundernswert ist seine Geduld mit Kindern, die er stets beim Gottesdienst um den Altar versammelte und in die Eucharistiefeier einbezog.


Eigene Begrüßungsformel

Wiesler wendet sich gegen jeden Automatismus, vorgekaute, vorformulierte Gebete, unkorrekte Liedtexte, eingefahrene Floskeln und Gedankenlosigkeit in der Liturgie. Er begrüßte die Gottesdienstbesucher nicht mit "Der Herr sei mit Euch" - Gemeinde: "... und mit deinem Geiste", sondern "Der Herr wirkt (immer) in Euch" - Gemeinde: "... und auch in Dir". Am Schluss jeden Gottesdienstes entlässt er die Gläubigen mit den Worten: "Geht hin, bringt Freude und Frieden".
Es gelingt dem feinfühligen Geistlichen, die Botschaft des Evangeliums in seiner heutigen Bedeutung mit großer Überzeugungskraft in freier Rede und für jeden verständlich zu vermitteln. Den Glauben verkündigt er nicht hartnäckig, aber beharrlich. Niemals wird er müde, den auferstandenen Christus und die österliche Botschaft zu verkünden. "Wer Ostern so versteht, dass in einem toten Leib wieder Leben eingekehrt ist, hat Ostern nicht verstanden", sagt er. "Ostern ist nur dann, wenn Christus in uns auferstanden ist, in uns lebt und weiter wächst. Das ist Dauerostern."
Als Religionslehrer hat Pfarrer Wiesler nachhaltig wertvolle Spuren des christlichen Glaubens bei Jugendlichen hinterlassen. Er verstand es, junge Menschen für den Glauben zu begeistern, er gehört zu jenen Geistlichen, die gegenüber der Amtskirche kritisch ihre Meinung sagen, diese begründen und davon nicht abweichen.
"Wenn in der Kirche das traditionelle Ritual gedankenlos heruntergespult wird, braucht man sich nicht wundern, wenn die Kirchen immer leerer werden", stellt der Geistliche fest.