Im Oktober dieses Jahres wird es 20 Jahre her sein, dass sie feierlich in Dienst genommen wurde: die Schuke-Orgel der Herz-Jesu-Stadtpfarrkirche. Seit Ende der vergangenen Woche aber ist sie erst komplett: Auf ein Register (verkürzt gesagt: eine Klangfarbe) hatte man bei der Erbauung vorerst verzichtet, die technischen Voraussetzungen für eine spätere Ergänzung allerdings schon geschaffen. Am Mittwoch hat Orgelbauer Lorenz Haupt von der Berliner Orgelbauwerkstatt Schuke mit dem Einbau begonnen; seit Freitagmittag können die 56 Pfeifen ihren ganz besondern Klang ins große Kirchenschiff schicken.
"Endlich ist die Orgel, was die Register angeht, nach 20 Jahren komplett", freut sich Stadtkantor Burkhard Ascherl. Bis die Gemeinde wieder einen größeren Betrag in die Orgel investieren konnte, hatte sie die Turmsanierung und Renovierung des Kircheninnern zu stemmen. Doch Kantor Ascherl sieht auch einen Vorteil darin: "Man konnte noch überlegen, welches Register man ergänzt." Das Kissinger Instrument verfügt nun über das seltene Orgelregister Klarinette 8‘. "Es ist etwas ganz Besonderes", sagt Ascherl. Das gilt auch für die Geschichte der eingebauten Pfeifen. Sie stammen von 1920 und kamen auf Umwegen an ihren heutigen Platz.
Die Klarinettenpfeifen, deren Eigenart die Tonerzeugung durch so genannte "durchschlagende" (das heißt frei schwingende) Zungen ist, wurden damals in die neue Sauer-Orgel der Berliner Kirche am Lietzensee gebaut. Das verrät eine Angabe auf dem tiefen C. 1937 baute die Firma Steinmeyer in Oettingen die Orgel um. "Die Organisten wollten nicht mehr so viele grundtönige Stimmen. Die Orgeln sollten klarer werden", erklärt Haupt. Die Klarinette wurde entfernt und - wie bei Steinmeyer üblich - eingelagert. Um 2000 erwarb Kantor Rüdiger Streim das Register aus den Oettinger Beständen, baute es in die Krefelder Orgel ein, an der er damals Organist war, und nahm es, weil es so schön klang, mit in seine neue Heimat Bad Kissingen. Sein Kollege Ascherl hatte die Klarinette bei einem Konzert in Krefeld gespielt und schätzte ihren Klang. Nach einigem Überlegen und Gesprächen mit Schuke reifte die Idee, das Register in die Kissinger Orgel zu übernehmen. Der Zufall wollte es, dass die Pfeifen an der freien Stelle in der Orgel Platz hatten.
"Ich habe die Mensuren der Klarinette aufgenommen und anhand von Probetönen geschaut, ob sie passt", erzählt Haupt. Sie passte. Der Orgelbauer nahm die Pfeifen mit nach Berlin, überarbeitete, was nötig war, rechnete, glich Stimmtonhöhen und Pfeifenlängen dem gegebenen Winddruck an und schuf die Voraussetzungen für den Einbau. In Bad Kissingen wartete dann noch eine Menge Feinarbeit. "Die spezielle Herausforderung war es", sagt er, "das gebrauchte Register mit seiner existenten Intonation in dieses Werk zu integrieren und den technischen Gegebenheiten anzupassen." Dazu gehörte, neben der klanglichen Feinabstimmung oder "Intonation", das Verlängern einzelner Pfeifenfüße. "Der Aufwand hat sich gelohnt", sagt Lorenz Haupt. "Das ist auf jeden Fall ein Gewinn für die Orgel." Durch die Grundtönigkeit besitze das Register eine hohe Mischfähigkeit: "Dadurch hat der Organist mehr und neue Klangmöglichkeiten." Das empfindet auch Burkhard Ascherl: "Ich war selber überrascht, wie gut die Klarinette mit den Prinzipalen und Flöten harmoniert", sagt er. "Man kann das Register solistisch brauchen, in vielen Mischungen und auch im akkordischen Spiel." Ein Gewinn vor allem- im romantisch-symphonischen Bereich. "Da die Orgel im Schwellkasten steht, erleichtert es auch Übergänge vom leisen Spiel bis ins Pleno." Das bedeutet, dass klangliche und dynamische Übergänge nahtlos funktionieren. "Es verbindet als Farbe mehr, sodass es weniger Brüche gibt." Im Raum, schätzt er, klingt es noch interessanter als am Spieltisch.
Dass es kein neues Register ist, stört Ascherl nicht: "Auch ein gebrauchtes Register kann sehr gut sein." Und letztlich sind beim Neubau 1993 ja auch einige Pfeifen des Vorgängerinstruments verwendet worden. Von der Qualität der neuen alten Pfeifen ist auch Lorenz Haupt überzeugt und stellt außerdem fest: "Durchschlagende Register sind nicht die Regel. Auch, weil sie einen erheblichen Kostenfaktor darstellen, wenn man sie neu baut." Richtig intensiv hat er daher bislang einmal mit einem solchen Register zu tun gehabt. Berührungsängste mit der Bauform, die aus der Zeit des hochromantischen Orgelbaus stammt, hat er nicht. "Mancher wird sich vielleicht schwer damit tun, weil er meint, das Register passe nicht in das neobarocke, frische Klangkonzept. Aber in dem Werk, in dem es steht, dem Positiv, passt es sehr gut."
Mit Aufbereitung und Einbau wird die Investition auf rund 5000 Euro kommen. "Das ist wesentlich weniger als für ein ganz neues Register", sagt Ascherl. Er hatte zu einem eigenen runden Geburtstag um Spenden für das Register gebeten, die Gemeinde gibt etwas dazu und auch von der Diözese kommen Zuschüsse.



Weitere Bilder finden Sie unter


www.inFranken.de