Wen das Leben bei voller Fahrt aus dem Fenster schmeißt, der landet vielleicht irgendwann vor Claus Poppe, legt einen blauen Zettel auf den Tresen, darauf der Stempel einer Pfarrei und fettgedruckt drei Ziffern: 2,50 Euro. Und der Leiter der Wärmestube, Claus Poppe, wird sich umdrehen, einen Teller in der Hand, vier gut gehäufte Löffel Schinkennudeln aus einer Pfanne schöpfen und Teller gegen Zettel über den Tresen reichen.

Das Mittagessen kostet zwei Euro. 50 Cent bleiben übrig, das reicht für einen Tee, der kostet 40 Cent, für einen Kaffee, 60 Cent, schon nicht mehr.

Es ist kurz nach zwölf an einem Dienstag in der Monatsmitte, Claus Poppe (56), dunkle Cordweste über blau-weiß gestreiftem Sweatshirt, eine Brille am Band, die ihm ständig vom Kopf auf die Nase fällt, rechnet damit, dass zwischen 13 und 15 Personen zum Mittagessen kommen. "Am Anfang des Monats sind es weniger, am Ende mehr."

Von November bis April gibt es in der Wärmestube der Kissinger Drogenhilfe (Kidro e.V.) zusätzlich zum Frühstück ein warmes Mittagessen. Selbst gekocht. Mit kleinstem Budget. Montags geht Poppe dafür im Großmarkt einkaufen, mittwochs holt er Lebensmittel von der Tafel. Was nicht gleich gebraucht wird, friert er ein. Wenn es am Dienstag Schinkennudeln gibt, wird am Mittwoch aus den Resten ein Auflauf gemacht. Mit Käse überbacken und mit Sahne gestreckt. Kleine Ökonomie im großen Stil.

Seit sieben Jahren leitet Poppe die Wärmestube. Die meisten vor ihm, sagt er, waren nach drei Jahren weg: Sie hatten die Schnauze voll. Er grinst, die Brille rutscht, er sagt: "Hier muss man mit Herz und Seele dabei sein."
Poppe ist gelernter Landschaftsgartenbauer, mit 35 Jahren schult er zum Krankenpfleger um, 2008 landet er hier. Poppe ist Rheinländer, er kann gut reden, auf Leute zugehen. Und manchmal, sagt er, kann ich auch gut zuhören.

Vor dem Tresen in der Wärmestube stehen sechs Tische, ein Weihnachtsgedeck auf jedem, von der Decke hängen Sternlampions.


Andreas und Hannah

Am größten Tisch in der Mitte werden die Geschenke für die alljährliche Weihnachtsfeier eingepackt. Lebkuchen, Stollen, Kekse, Schokolade. Poppes Hausarzt hatte ihn auf die Idee gebracht. In den Wochen vor Weihnachten kommt kaum ein Patient ohne Schokolade für die Arzthelferinnen. 60 Päckchen werden es am Ende sein.

Im Gang zwischen Kleiderkammer und Wärmestube hängen, in zwei Bilderrahmen aufgeteilt, Fotos von Feiern im vergangenen Jahr: Weihnachten und Ostern. Poppe zeigt auf eines der Fotos, darauf ein Mann, rundes Gesicht, glatt rasiert, Lachen um Mund und Augen. "Der ist mittlerweile verstorben", sagt er. Nächstes Foto, ebenfalls verstorben. Er hat sie nicht gezählt, die Toten in den vergangenen Jahren. Ab und zu geht er auf eine der Beerdigungen.

Er sagt: Es sind Menschen, wie man sie auf der Straße trifft, die in die Wärmestube kommen. Rentner, auf einen Kaffee vor ihrem Arztbesuch, alleinstehende Damen auf der Suche nach sozialen Kontakten, Hartz-IV-Empfänger, Menschen wie Andreas.

Andreas, graue Haare, vorne kurz, hinten lang, blau-weiße Fleecejacke, ist 59 Jahre alt und hat seit Kurzem eine Band. Folkmusik. Er spielt Gitarre. Erste Auftritte hatten sie schon. Kennengelernt haben sie sich hier in der Wärmestube.

Andreas schwäbelt, vor zwei Jahren kam er aus Esslingen, nach Hammelburg - er hilft seiner Mutter im Haushalt. Ein Bekannter, selbst Stammgast, hatte ihm von der Wärmestube erzählt. Seitdem ist Andreas meist einmal in der Woche hier, trinkt Kaffee, liest Zeitung, wünscht sich eine bessere Welt. Die Wärmestube, sagt er, sei ein Ort für jemanden wie ihn, jemand, der nicht in die Gesellschaft passt. Pause. Oder, sagt er dann, vielleicht passt die Gesellschaft auch nicht zu mir.

Wärmestube, das Wort mag hier eigentlich keiner so recht. Es klingt zu negativ. Sie wollen es umbenennen, die Buchstaben für die Scheibe sind schon bestellt, "Sozial-Café" soll dort künftig stehen. "Vielleicht traut sich dann der ein oder andere mehr hier rein", sagt Poppe.


Ein Problem für jeden

Ob Wärmestube oder Sozial-Café, das dürfte Hannah (Name geändert) egal sein. Sie ist fast jeden Tag hier. Wärmestube, das ist für sie Wohnzimmer. Aus einer Plastiktüte holt sie zwei Stricknadeln. Socken, Schals, Mützen, manches verkauft sie gleich hier. Für die Feiertage, wenn hier geschlossen ist, hat sie sich einige besonders schwere Strickmuster vorgenommen.

Jeder hat seine Probleme, hatte Poppe gesagt. Viele kennt er, manche will er gar nicht wissen. Über die traurigen Momente spricht er nicht gerne, er lacht lieber und erzählt, dass es beim Anprobieren einer Jacke in der Kleiderkammer schon mal vorkomme, dass einer auf das Emblem am Ärmel zeigt und sagt: "Die Marke kenne ich, das ist Odeur." Was wirklich auf der Jacke steht ist dann Outdoor. Übersetzt: draußen. Aber wer will das schon. Draußen sein.