Übers Sterben redet keiner gern. Schon gar nicht, je näher das Lebensende kommt. Viele verdrängen Gedanken daran, vermeiden Gespräche darüber. Dennoch hat Eberhard Gräf, Vorsitzender der CSU-Senioren-Union, das Sterben zum Thema gemacht, verpackt in eine Podiumsdiskussion. Debattiert werden soll das Thema Sterbehilfe versus Sterbebegleitung.
Aber eine echte Diskussion mit unterschiedlichen Meinungen bleibt im Bad Bockleter Kursaal aus. Denn sämtliche Gesprächspartner - zwei Ärztinnen, ein Anwalt und Mediziner, ein Geistlicher und eine Studentin - sowie der Gastgeber und auch Moderatorin Dorothee Bär (CSU) sind sich einig. Einig darin, dass es in Deutschland keine geschäftsmäßige Sterbebeihilfe geben darf.
Somit tauschen die sechs Gesprächspartner in ihrer Montagsrunde bei den CSU-Senioren ihre Erfahrungen aus, kommen letztendlich aber zu einem ganz anderen Schluss: Der Staat muss entsprechende Rahmenbedingungen für ein Sterben in Würde schaffen. "Ich sehe dabei zwei Verpflichtungen", sagt Eberhard Gräf. Erstens: Die Palliativmedizin und auch die Pflege sollten viel stärker finanziell und personell gefördert werden. Zudem wünscht er sich deutlich mehr und vor allem ausreichend Stationen und Plätze zum Sterben in Krankenhäusern und Hospizen. "Damit wäre den meisten Menschen geholfen", sagt der Vorsitzende der Senioren-Union. Als Zweites habe für ihn der Staat die Aufgabe, klare Regeln zu schaffen und Anreize für eine geschäftsmäßige Suizidbeihilfe zu verhindern.


Umdenken gefordert

Podiumsgast Alexander Siebel, Arzt und Rechtsanwalt aus Bad Kissingen, geht sogar noch einen Schritt weiter. Er fordert ein Umdenken in der Gesellschaft, damit Menschen künftig nicht mehr nur nach ihrer Nützlichkeit und Wertigkeit eingeordnet werden. Etliche Kranke und Sterbende verspürten nämlich dadurch Druck, nicht länger zur Last zu fallen, egal ob gegenüber ihren Angehörigen, den Ärzten oder Pflegekräften. "Da stehen viele Ängste im Raum", ist Siebel überzeugt. Zudem dürfe seiner Meinung nach der Suizid gesellschaftlich nicht anerkannt werden.


Hilfe erfahren

"Sterbewünsche gehören aber zum Sterbeprozess dazu", gibt Gesprächspartnerin Ute Hiby zu bedenken, die Leiterin der Palliativstation im Kreiskrankenhaus Bad Neustadt ist. Häufig würden Menschen, die sich wünschen zu sterben, in ihrem Schmerz, ihrem Leid wahrgenommen werden wollen. Sobald sie Hilfe erführen, wie etwa durch Medikamente oder mehr Aufmerksamkeit, würde der Wunsch nach Leben wieder stärker werden. Es sei ein Wechselspiel. Auch Elsa Hartwig vom Hospizverein Rhön-Grabfeld bestätigt diese Beobachtung. "Sterbewünsche sind häufig ein Hilferuf: So will ich nicht mehr weiterleben." Deshalb sollte ihrer Meinung nach jedem ein Sterben in Würde, das Teil des Lebens ist, möglich sein. "Und keine Politik der Entsorgungskultur."
Auch der Bad Kissinger Kaplan Paul Reder bezieht in der Gesprächsrunde ganz klar Position: "Das Leben hat eine unantastbare Würde." Seine Unverfügbarkeit müsse als Grenze bestehen bleiben. Somit kämen auch Angehörige und Ärzte nicht unter Druck, handeln zu müssen. "Wenn der gegebene Schutzraum aufgeweicht wird, stehen Interessen im Raum, die nicht das Wohl oder das Leid des Menschen sehen, sondern lediglich das Geschäft", erklärt der Geistliche. So weit dürfe es nicht kommen.
Eberhard Gräf sieht beim Thema aber nicht nur den Staat oder die Gesellschaft, sondern auch jeden Einzelnen in der Pflicht. "Wer seinen Angehörigen und auch den Ärzten bei den Entscheidungen rund ums Sterben helfen wolle, sollte rechtzeitig eine Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht hinterlegen", sagt er. Darüber könne das Selbstbestimmungsrecht angewendet werden, zum Beispiel ob lebensverlängernde Maßnahmen oder Apparate abgestellt werden oder nicht.


Vorreiterrolle in der EU

Dem stimmte auch die Studentin und Gesprächspartnerin Lisa Altenhöfer zu. Die 20-Jährige hatte sich in einer Seminararbeit mit den verschiedenen Möglichkeiten der Sterbehilfe befasst und damit einen Preis der Universität Fürth gewonnen. Ihrer Meinung nach gibt es in Deutschland genügend Möglichkeiten, einen Sterbenden zu begleiten. "Wenn wir den Tod als Geschäft zulassen, hat das auch eine enorme Außenwirkung", sagt sie. Schließlich nehme Deutschland innerhalb der EU eine Vorreiterrolle ein und dürfe sich nicht an der Rechtsprechung anderer Länder orientieren. Die rund 100 anwesenden Senioren applaudieren.

Hintergrund
Aktuelle Regelung
In Deutschland ist die aktive Sterbehilfe, das Töten auf Verlangen, verboten. Erlaubt ist die passive Sterbehilfe. Sie ermöglicht es, einen schwerstkranken Menschen sterben zu lassen, indem auf weitere Therapien verzichtet wird. Das soll auch künftig so bleiben.

In Planung Ein neues Gesetz soll es jedoch für die Beihilfe zum Suizid geben. Vier Vorschläge liegen dem Bundestag vor, der bis zum Jahresende entscheiden wird. Bisher darf jeder einen Menschen, der sterben will, dabei unterstützen. So darf er etwa ein entsprechendes Medikament besorgen, das der Sterbewillige selbstständig einnimmt. Da die Möglichkeit besteht, dass auf Grundlage dieser Regelung Sterbehilfevereine entstehen oder Geschäftsmodelle entwickelt werden können, soll ein neues Gesetz das künftig regeln.