Bad Kissingen — Gebannt lauschten die zehn Vorschulkinder in der Kinderbuchabteilung der Stadtbücherei der Erzählung vom schönsten Martinslicht. Schließlich erlebt man es ja auch nicht alle Tage, dass einem eine leibhaftige Königin aus einem Bilderbuch vorliest.
Aber dieser Tag war ein ganz besonderer - nämlich der bundesweite Vorlesetag, die gemeinsame Initiative der Wochenzeitschrift "Die Zeit", der Stiftung Lesen und der Deutsche Bahn Stiftung.

Vorlesen ist etwas anderes

Deshalb war Bad Kissingens Rosenkönigin Aileen Kempf (20) gern der Bitte des Bücherei-Teams um Gabriele Reichert gefolgt, Kindern die Geschichte vom kleinen Martin vorzulesen, der tagelang eine schöne Laterne gebastelt hatte und sie beim Martinssingen stolz vor sich her trug.
Schnell hatte Aileen Kempf bei der Vorbereitung die feinen Unterschiede bemerkt. "Vorlesen ist doch etwas anders als im Stillen selbst zu lesen." Sonst vertieft sich die angehende Bauingenieurin, wenn ihr neben dem dualen Studium überhaupt noch etwas Zeit bleibt und sie keine Fachbücher lesen muss, gern in moderne Liebesromane wie die der irischen Bestseller-Autorin Cecelia Ahern. "Da darf man schon mal einen Absatz überfliegen." Das geht beim Vorlesen natürlich nicht.

Tipps von der Mutter

In der Woche vor ihrer Lesung hatte sie jeden Tag mal das Buch zur Hand genommen und laut gelesen. "Man darf ja keine Silben verschlucken", hatte sie erkannt. Zuletzt hörte sogar ihre Mutter zu und gab noch ein paar Tipps: "Lauter und nicht so schnell."
Ähnliche Erfahrungen dürften auch die anderen über 80 000 Amateur-Vorleser in Kindergärten und Schulen, in Büchereien, Seniorenheimen und Vereinen beim lauten Vorlesen gemacht haben.
Schon seit 2004 werden am Vorlesetag , der immer im November stattfindet, etwa eine Million Zuhörer durch diesen bundesweiten Aktionstag zum Lesen angeregt. ksvd