Bismarck ist für Bad Kissingen die maßgebliche Persönlichkeit. Aber Alfred von Kiderlen-Wächter, einer von Bismarcks Nachfolgern im Auswärtigen Amt, hat der in Anlehnung an das Kissinger Diktat ebenfalls Weltpolitik von Bad Kissingen aus betrieben.
In Bad Kissingen wurden in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg viele Kuraufenthalte genutzt, um Strippen zu ziehen und über Konflikte zu verhandeln. Einer, die dies erfolgreich beherrschte, war Alfred von Kiderlen-Wächter. Seit 1900 war er Gesandter in Bukarest, vertrat mehrmals den Botschafter in Konstantinopel und leitete von November 1908 bis März 1909 für den erkrankten Staatssekretär Freiherr Wilhelm von Schoen das Auswärtige Amt. Zum Staatssekretär - dies entsprach im Kaiserreich einem Minister - wurde er am 27. Juni 1910 ernannt.


Erste Kur 1903

Seine erste Kur nahm Kiderlen-Wächter bereits im Juni/Juli 1903 in Kissingen. 1908 hatte Carl von Weizsäcker aus dem Außenministerium auf einen Facharzt namens Kahl aufmerksam gemacht. Dieser verordnete Kiderlen-Wächter wieder eine vierwöchige Kur in Kissingen.
Im Mai 1910 reiste er erneut zur Kur nach Kissingen. Ein am 21. Juni 1910 abgefasster Brief des Reichskanzlers an Kiderlen traf in Kissingen ein, "Seine Majestät hat Sie zum Staatssekretär des Auswärtigen Amtes bestimmt". Zuvor hatte Carl von Weizäcker nochmals mit Kiderlen in Kissingen gesprochen.


Verhandlungen mit Frankreich

Auch im Jahr 1911, am 10. Mai ist er in der Villa Germania in der Bismarckstraße abgestiegen und in der Kurliste unter der Nummer 1745 eingetragen. Die gleiche Villa hat er im Jahr 1912 (Nr. 9132) für einen Kuraufenthalt genutzt.
Im Frühjahr des Jahres 1911 kam es zu Spannungen zwischen Frankreich und Deutschland, als Frankreich seine Herrschaft in Marokko ausweitete. Es ging wieder einmal um Einfluss in Afrika. Die Entwicklungen spitzten sich zur 2. Marokkokrise zu.
Im Juni 1911 empfing Kiderlen-Wächter während seines Kuraufenthaltes in Kissingen den französischen Botschafter Jules Cambon zu mehrtägigen Gesprächen.


"Wie zwei Porzellanlöwen"

In einem Privatbrief schreibt der Staatssekretär über eine der Kissinger Begegnungen: "Meine Unterhaltung mit Cambon war sehr spaßhaft: wir sahen uns immer wie zwei Porzellanlöwen an, jeder wartete, dass der andere mit positiven Vorschlägen herauskomme; es ist aber an den Franzosen, da sie ja in Marokko angefangen haben."
Erst recht klärte er den französischen Botschafter nicht über die bevorstehende Agadir-Aktion auf. Dass Kiderlen an einem Erfolg der Kissinger Begegnung mit Cambon nicht interessiert war, lässt sich an Cambons Aussage belegen, er habe den Staatssekretär "extrem reserviert" angetroffen. Freilich konnte Cambon genauso wenig konkrete Angebote machen, wie Kiderlen konkrete Forderungen stellen konnten.
Die Saale-Zeitung berichtet am 23. Juni 1911 in einer Kurzinformation: "Kiderlen hat den französischen Botschafter Cambon mit Frau und Tochter am Bahnhof zum Kurantritt in Kissingen begrüßt. Kiderlen hat am 23.06.1911 seinen Kuraufenthalt beendet."


Kissingen wieder im Mittelpunkt

In Kissingen war man hocherfreut, endlich wieder einmal im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses zu stehen.
Kurz darauf kam es dann zum "Panthersprung nach Agadir" vom 1. Juli 1911. Deutschland schickte das Kanonenboot "Panther" nach Agadir, nachdem Frankreich Fes und Rabat besetzt hatte. Schließlich "verzichtete" Deutschland auf Marokko und erhielt dafür den "gewollten" Anteil am französischen Kongo.
Bad Kissingen war aber auch ein Ruhepol für Kiderlen, wenn ihn auch hier das politische Gespräch nicht verließ. "Am Brunnen" lernte er alte Bekannte, auch Politiker, Diplomaten und Militärs kennen, denen er auf dienstlichem Wege zuvor nicht begegnet war.
Im Sommer 1912 besuchten Kiderlen in Bad Kissingen unter anderem die Botschafter Pansa aus Italien, Pallavicini aus Österreich-Ungarn und Jules Cambon aus Frankreich. Kiderlen bemerkte hier-zu: "Spaßhaft ist, dass die Botschafter sich untereinander über ihre Fahrten nach Kissingen beraten haben um nicht zeitgleich zu kommen und damit zu viel Zeitungskommentare hervorzurufen".
Kiderlen war ein widersprüchlicher und umtriebiger Diplomat. Er wurde auch der "schwäbische Bismarck" genannt. Zeitweilig zweifelte man auch an seiner Authentizität. Dies gilt insbesondere anlässlich eines Gesprächs, das der Staatssekretär 1912 während seines Kuraufenthaltes in Bad Kissingen mit dem französischen Journalisten Georges Bourdon führte. Als dieses "Kissinger Gespräch" im "Figaro" abgedruckt fand, hielt man es in Berlin wegen seines frankreichfreundlichen Grundtones für eine Fälschung.


Krisenmanagement

Die Arbeitsbelastung war für Kiderlen zeitweise so hoch, dass er sich aus Berlin "für einige Tage einen Beamten schicken" ließ. "Krisenmanagement" wurde von Kissingen aus zum vorherrschenden Element seiner internationalen Politik. Tripolis- und Balkankrieg forderten ein entschiedenes Vorgehen der Großmächte, sollte ein Weltkrieg verhindert werden.
Kiderlen hat sein politisches Wirken nicht zu einem planmäßigen Abschluss führen können. Er ist im Dezember 1912 im Alter von 60 Jahren verstorben.